Das hätte ins Auge gehen können

Riesenschock für Kutschenfahrerin

Die Waltroperin Rita Speckbrock war mit ihrem Fahrpony Tom unterwegs. Sie hatte eine Begegnung mit einem Streifenwagen: samt eingeschaltetem Martinshorn und Blaulicht.
Dieses Schild hat Kutscherin Rita Speckbrock bei jeder Ausfahrt dabei. © Christine Horn

Es war ein wunderschöner Frühsommerabend. Die Waltroper Fahrerin Rita Speckbrock spannte Tom vor ihren Jagdwagen, eine Freundin war mit dabei. Die Damen wollten eine entspannte Abendausfahrt durch die Felder genießen. Um einen weiteren Feldweg zu erreichen, ging es auf einer Strecke von 500 Metern auch über die Löringhofstraße. Was überhaupt kein Problem ist: Kutschen haben den Stellenwert eines Kraftfahrzeugs im Straßenverkehr. Rita Speckbrock fährt seit 21 Jahren Kutsche und hat seitdem auch das Fahrabzeichen.

Der Randstreifen ist für Kutschen tabu

Auf einer Straße müssen Kutschen dort fahren, wo auch zum Beispiel Autos unterwegs sind: auf der normalen Fahrbahn. „Der Randstreifen ist tabu. Denn man darf nie vergessen, dass ein Pferd ein Fluchttier ist. Und vor Lärm würde es fliehen. Sollte es sich mal erschrecken und der Kutscher wäre weit rechts unterwegs, könnte das Gespann in den Graben rutschen,“ erzählt Rita Speckbrock.

Hinzu kommt: Würden Kutschfahrer halb auf dem Randstreifen und halb auf der Fahrbahn unterwegs sein, würden dahinter ankommende Autofahrer womöglich knapp überholen wollen. „So müssen sie hinter uns abbremsen und können erst vorbeifahren, wenn es der Gegenverkehr zulässt“, weiß Rita Speckbrock und fügt hinzu: „Da hatte ich noch nie Probleme.“ Und sie weiß, dass sie sich auf Tom verlassen kann: „Er ist absolut verkehrssicher. Selbst die größten Landmaschinen stören ihn nicht.“

Zurück zum besagten Abend. In der Ferne erblickte und hörte die Waltroperin einen entgegenkommenden Streifenwagen, Blaulicht und Martinshorn waren eingeschaltet. „Bis auf ein weiteres Auto war sonst nichts los auf der Straße“, erzählt Rita Speckbrock. Wegen der übersichtlichen Situation ging sie fest davon aus, dass die Polizisten das Martinshorn für den Moment des Passierens der Kutsche ausstellen würden. „Doch der Wagen kam immer näher. Es war unheimlich laut, da wurde selbst Tom nervös“, blickt Rita Speckbrock zurück.

„Ich möchte mir nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn ich alleine gewesen wäre“

Sie bat ihre Begleitung, sofort vom Wagen abzusteigen, um neben Tom zu laufen. Um ihm Sicherheit zu geben. Gut, dass die Freundin eine Pferdefrau ist. Sie griff in die Leinen und versuchte vom Boden aus, den 17-Jährigen zu beruhigen. „Normalerweise kenne ich es so, dass Rettungskräfte das Martinshorn für die Sekunden, in denen sie an Kutschen oder Reitern vorbeifahren, ausschalten.“ Doch diesmal nicht. Der Polizeiwagen, so schildert es die Waltroperin, habe auf der Gegenfahrbahn ein Auto überholt, sei dicht an das Gespann mit Tom und den beiden Frauen herangefahren, um dann wieder einzuscheren. „Und das mit dem lauten ‚Tatütata‘“, schildert Rita Speckbrock.

Jetzt kann Rita Speckbrock wieder lächeln, wenn sie Tom anspannt und zu ihren Ausfahrten aufbricht. Dennoch: Wenn sie an die Begegnung mit dem Streifenwagen denkt, kehrt der Schock in ihre Glieder zurück. © Christine Horn © Christine Horn

Bis auf einen Riesenschock, der allen drei Beteiligten in die Glieder gefahren war, war zum Glück nichts passiert. „Ich möchte mir nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn ich alleine oder mit jemandem unterwegs gewesen wäre, der sich mit Pferden nicht so gut auskennt“, sagt Rita Speckbrock.

„Eigentlich wollte ich gar nicht in die Öffentlichkeit treten. Doch dann habe ich es doch getan: Mit der Bitte um mehr Sensibilität gegenüber Pferden im Straßenverkehr.“

Das sagt die Polizei zu diesem Vorfall

Corinna Kutschke ist Mitarbeiterin der Polizei Pressestelle. Sie selbst ist Reiterin ist: „Zum einen kann es sein, dass sich die Kollegen schlichtweg nicht mit möglichen Reaktionen von Pferden auskennen und nicht bedacht haben, dass es besser gewesen wäre, das Martinshorn für einen Moment auszuschalten.“ Auf der anderen Seite hätte aber auch der Autofahrer anders reagieren können. „Wenn ich im Rückspiegel sehe, dass ein Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn kommt und auf der anderen Straßenseite eine Kutsche entgegenkommt, hätte der Fahrer sein Tempo verlangsamen und rechts ran fahren können“, schildert Corinna Kutschke. Sie lobt das besonnene Verhalten Rita Spreckbrocks und ihrer Begleiterin. „Sie haben super reagiert.“ Man werde den Fall nicht auf sich beruhen lassen. Man wolle innerhalb der Behörde eine interne Mitteilung verfassen und entsprechende Verhaltensweisen bei Begegnungen mit Kutschen im Straßenverkehr aufzeigen.

„Viele Menschen wissen nicht, wie Pferde reagieren“

Der Dattelner Hans-Günter Stegemann ist Sprecher der großen Fahrabteilung beim Reitverein Lützow-Selm-Bork-Olfen. Er kann ein Lied davon singen, wie rücksichtslos sich manche Verkehrsteilnehmer verhielten, wenn er mit seinem Zweispänner unterwegs ist. Er wohnt in Natrop und muss stets die Bundesstraße 235 mit seinen beiden angespannten Pferden Smokey und Holly überqueren. „Manche Fahrer hupen aus Freude, weil sie uns sehen. Aber: Pferde sind Fluchttiere und springen dann gerne mal nach vorne“, schildert Hans-Günter Stegemann und gibt zu bedenken: „Man darf nicht vergessen, dass andere Pferde empfindlicher sind als Tom.“

Der Dattelner erzählt aber auch von sehr rücksichtsvollem Verhalten: „Letztens musste ich an einem Bagger vorbeifahren. Der Baggerfahrer schaltete den Motor sogar aus und wartete, bis ich dran vorbei war. Das war klasse.“ Derweil geht er nicht von böswilligem Verhalten der Menschen aus. „Ich glaube, dass sie schlichtweg nicht wissen, wie Pferde reagieren.“

Er fahre meist mitten auf der Straße. „Sonst wird hinter mir gequengelt, eine Kutsche fährt aber nun mal nur sechs km/h. Dann müssen die hinter mir abbremsen. Nah an einem Pferd vorbeizufahren, ist keine gute Idee.“

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