Serie: Häuser und ihre Geschichte(n)

Der Tempel ist das älteste Haus Waltrops

Der älteste Kirchhofspeicher in ganz Westfalen und das älteste Haus in unserer Stadt ist der „Tempel“ im historischen Stadtkern am Kirchplatz.
Die Speicherluke im Obergeschoss gibt es heute nicht mehr. © Heimatverein Waltrop

Der Waltroper Kirchplatz um die Petruskirche herum ist nicht nur schön und altehrwührdig: Er stellt auch das Herzstück der mittelalterlichen Siedlung dar und ist der älteste Teil Waltrops. Nachdem die letzte Folge sich mit dem zweitältesten Haus Waltrops beschäftigte, werfen wir heute einen Blick auf das Gebäude nebenan: Denn der Waltroper „Tempel“ ist das älteste Gebäude der Stadt. Der „malerische Winkel“, wie er letzte Woche in der Folge über das Haus Puppendruta vorgestellt wurde, schließt neben dem heutigen Weltladen ebendieses Gebäude mit ein.

Keine Stätte der Religiosität

Es handelt sich beim Tempel nicht um eine Stätte der Religiosität. Es ist vielmehr ein kleines, altes Fachwerkhaus am Rande des Kirchplatzes. Das Obergeschoss ist nur zur Kirchseite hin überkragend, steht also über; die Fenster sind symmetrisch ausgerichtet; die stützenden und schmuckhaften Holzbalken zeugen von aufwendiger Handwerkskunst. Das Gebäude möge offiziellen Charakter gehabt haben, vermutet der ehemalige Stadthistoriker Reinhard Jäkel.

Versuchen wir, die Geschichte dieses Gebäudes von seinen Anfängen aus nachzuvollziehen. Dazu muss man wissen, dass das Dorf Waltrop wohl zunächst mehr aus losen, in Nähe der Kirche gelegenen Bauernhöfen und Bauerschaften bestand.

Die Kirche taucht bereits in einer Schenkungsurkunde des Kölner Erzbischofs Pilgrim aus dem Jahr 1032 auf. Es sei jedoch anzunehmen, dass es sich dabei nur um einen Vorläufer der jetzigen Petruskirche handelt. Zumindest steht fest, dass die heutige Form der Kirche daher rührt, dass sie mehrmals vergrößert wurde, um der wachsenden Bevölkerung Raum zu bieten. Die Kirche diente nicht nur der Gottesfurcht, sondern hatte als massives Steingebäude, insbesondere in Verbindung mit dem späteren Wall (Schanze), auch eine Schutzfunktion als sogenannte Wehrkirche. Zudem wurde der Kirchplatz möglicherweise auch als Markt und Zusammenkunftsstätte genutzt. „Das Kirchdorf ist Krämer- und Handwerkersiedlung, seit 1596 ausgestattet mit dem Recht auf zwei Jahrmärkte im Mai und September, die sich zu bedeutenden Viehmärkten entwickelten“, heißt es auf der Waltroper Stadtseite über die frühen Anfangsjahre des Ortes bis ins späte Mittelalter.

Zunächst diente das Gebäude als Kirchhofspeicher

Gegen Ende des Mittelalters begann man, um die Kirche herum Häuser zu errichten, nachdem der Wall eingeebnet worden war. Das älteste dieser Häuser ist der Tempel. Es habe zunächst als Kirchhofspeicher gedient, der als Lager oder Gewerberaum genutzt wurde, so Reinhard Jäkel. Der ehemalige Stadthistoriker vermutet, dass der Tempel öffentlich genutzt worden sein könnte, „etwa als gemeinschaftlich genutzter Speicher und Treffpunkt einer Bauerngilde. Dies würde auch die Bezeichnung ‚Tempel‘ verständlicher machen.“ Ein Templarius war nämlich jemand, „der bei den Bauerngemeinschaften als eine Art Geschäftsführer fungierte“, erläutert er.

Als Baujahr verkündet die Plakette am Haus 1499. Tatsächlich sei das Gebäude aber erst 1576 erbaut worden, erläutert Norbert Frey. Das ergaben dendo-chronologische Untersuchungen im Jahr 1983, bei denen man aufgrund von Materialproben das Alter des Holzes feststellen kann: Die beim Bau des Tempels verwendeten Bäume wurden erst 1575 gefällt. Trotzdem, so Frey, „bleibt der ‚Tempel‘ der älteste Kirchhofspeicher in ganz Westfalen und das älteste Haus in Waltrop.“

Teil des heutigen „malerischen Winkels“: der Tempel. © Elena Schulze Langenhorst

Bis 1987, weiß Reinhard Jäkel, sei das Gebäude noch bewohnt gewesen. Danach hat der Tempel verschiedenen Zwecken gedient. So beherbergte er beispielsweise einige Jahre lang die Geschäftsstelle des Waltroper Gymnastikvereins und wurde für Trainerbesprechungen und als Telefonstelle genutzt. Das kleine Haus sei „etwas ganz Besonderes“, findet Helmut Strzelecki, langjähriger Leiter der Karate-Abteilung des GV. „Das ganze Gebäude ist schief und buckelig, auch im Innern. Sowas sieht man heutzutage nicht mehr, das ist noch ein Zeugnis aus ganz anderen Zeiten!“

Anna Kasnatschenko: „Man merkt, dass es Geschichte hat“

Seit ungefähr Mitte des vergangenen Jahres nutze die Firma Ernesti Immobilien das alte Fachwerkhaus als Büro- und Besprechungsräumlichkeiten, so Mitarbeiterin Anna Kasnatschenko. „Man merkt, dass es Geschichte hat“, findet sie. „Man kann sich richtig vorstellen, wie unterschiedlich die Leute damals gelebt haben. Wir sind immerhin an gerade Böden und Wände gewöhnt – die gibt es da aber nicht!“

Alte Ansicht von hinten, sprich von der heutigen Rösterstraße aus gesehen. © Heimatverein Waltrop

So, wie er auch jetzt nicht mehr bewohnt wird, diente der Tempel nicht von Anfang an als Wohnhaus: „Vermutlich war das Haus in der Anfangszeit nicht bewohnt, denn die Feuerstätte wurde erst später eingebaut“, erklärt Heimatsverein-Chef Frey. Insgesamt kann man sagen: ein bedeutsames Gebäude für Waltrop. Denn, so Ex-Stadthistoriker Reinhard-Jäkel in einem Aufsatz über den Tempel, es „spiegelt die Entwicklung Waltrops vom Kirchdorf zur weltlichen Gemeinde.“

Steuer-Tricks beim Hausbau

Bei einem „überkragenden Obergeschoß“ ist das Obergeschoss flächenmäßig größer als das Erdgeschoss und steht daher sozusagen über.

Dieser Trick erlaubte schon seit dem Mittelalter eine größer Wohn- und/oder Nutzfläche bei kleinerer Grundfläche. Die Steuer wurde nämlich auf die gesamte Grundfläche gerechnet.

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