Online-Dating, ja oder nein? Tipps von Paartherapeutin Jennifer Angersbach

Redakteurin
Paartherapeutin Jennifer Angersbach
Jennifer Angersbach ist Paartherapeutin und Lebensberaterin aus Unna. Sie beantwortet für die Leserinnen und Leser von Hellweger Anzeiger und Ruhr Nachrichten regelmäßig Fragen rund um die Liebe. © Montage Verena de Azevedo
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In den kommenden Wochen und Monaten wird uns Paartherapeutin und Lebensberaterin Jennifer Angersbach an dieser Stelle große und kleine Fragen rund um ein glückliches Liebesleben beantworten. Für viele Menschen wird aber offenbar schon der Weg dorthin, die Partnersuche, zu einer unüberwindbaren Hürde.

Die meisten Menschen, die ihren Partner/ihre Partnerin außerhalb von ihrem Freundeskreis oder ihrer Arbeitskollegen kennengelernt haben, nutzen heutzutage Online-Dating. Warum fällt es vielen Menschen schwer, auf der Straße, im Restaurant oder beim Einkaufen jemanden anzusprechen?

Auf diese Frage gibt es so viele Antwortmöglichkeiten. Online-Dating ist schlichtweg leichter und just bei diesem Satz muss ich schmunzeln, denn Online-Dating ist alles andere als „leicht“, wenn es darum geht nicht nur jemanden kennenzulernen, sondern eben auch eine/n potenzielle/n Partner/in zu finden. Wer nutzt heute noch die Schreibmaschine, wo es doch PCs gibt?

Online-Dating ist wie das Textverarbeitungsprogramm: Es lässt sich deutlich schneller etwas produzieren oder auch korrigieren. Man muss nicht so viel investieren, benötigt keine Blätter, Tinte oder Korrekturband, daher kann man auch einfach drauf los tippen, mittlerweile sogar im Bett oder der Bahn. Und falls man den Text doch nicht verwendet, wird er halt gelöscht oder gespeichert – vielleicht kann er einem ja noch nutzen. Die Vorteile überwiegen absolut und dennoch ist die Vorstellung, einen Text auf einer Schreibmaschine zu produzieren, irgendwie romantisch.

Die Möglichkeiten, im echten Leben jemanden kennenzulernen, werden mit dem Alter immer eingeschränkter. In der Schule oder an der Uni ist die Auswahl an Menschen mit ähnlichen Interessen, ähnlichem Alter und in ähnlichen Lebensphasen deutlich größer als später im Büro.

Und das war vor nicht allzu langer Zeit auch kaum ein Problem, meist war man mit Anfang dreißig vergeben, verheiratet und lies sich so rasch auch nicht scheiden. Die Auswahl – eben ohne Internet und Digitalisierung, die Beständigkeit des Jobs (heute wechselt man diesen ja viel öfter) war geringer und man entschied sich für jemanden, der halt da war. Mittlerweile hat sich unser Leben verändert und hat auch unsere Partnerwahl und unsere Beziehungen beeinflusst.

Klar, beim Bäcker könnte man jemanden ansprechen, doch das birgt immer die Gefahr, abgelehnt zu werden: Man weiß ja nicht mal, ob der Typ der einen nett anlächelt, überhaupt verfügbar ist, geschweige denn, ob man ihm optisch zusagt. Beides, so wird es zumindest suggeriert, übernimmt die Dating-App: Dort weiß man beim Match: Optisch gefalle ich und das Gegenüber ist verfügbar.

Ein Mann mit Brille sitzt vor einem Bildschirm, auf dem die Seite eines Dating-Portals zu erkennen ist.
Online-Dating ist verhältnismäßig leicht. Online einen festen Partner zu finden, ist aus Sicht von Jennifer Angersbach schon schwieriger. © picture alliance/dpa

Das Schöne am Online-Dating ist ja, dass man schon etwas über Menschen erfahren kann, bevor man sie das erste Mal trifft, oder?

Hier möchte ich direkt das Ende meiner Antwort aufgreifen, nur weil jemand sich auf einer Online-Dating-App anmeldet, bedeutet das noch lange nicht, dass dieser Jemand auch verfügbar ist. Diese Apps dienen schon lange nicht mehr ausschließlich dazu, eine Beziehung zu finden.

Manche suchen eher nach ein bisschen Abwechslung oder auch Ablenkung und nutzen Tinder, Bumble und Co. wie andere Candy Crush – es ist ein Spiel, nicht mehr und nicht weniger. Wieder andere melden sich in Lebenskrisen dort an, um den Marktwert nach einer Trennung zu testen, aufgrund von Einsamkeit oder einem Mangel an Selbstwert, in der Hoffnung dort etwas Bestätigung und ein Gefühl von ‚Jemand mag mich‘ zu bekommen.

Diese Menschen sind vielleicht offen für ‚ein bisschen schreiben‘, vielleicht sogar für ein Telefonat oder Date, aber definitiv nicht emotional verfügbar und an einer ernsthaften Beziehung interessiert.

Andere leben sich über diese Apps vor allem sexuell aus, ohne Ambitionen zu haben, sich zu verlieben oder einem anderen Menschen auch emotional näher zu kommen. Es geht um ‚ein bisschen Spaß‘; das Konzept von „Freundschaft plus“ beinhaltet den Vorteil, sich nicht entscheiden zu müssen, zwischen den Freiheiten als Single und der Verantwortung einer verbindlichen und exklusiven Partnerschaft. Sie wollen eine Freundschaft mit netten Treffen und sexuellen Vorzügen, oder auch mehrere davon.

Für diejenigen, die Online-Dating nutzen, um eine exklusive und verbindliche Partnerschaft einzugehen, besteht zuletzt noch der Nachteil, dass man sich beim Schreiben viel schneller in eine Illusion verliebt. Das Gegenüber ist attraktiv und es beruht auf Gegenseitigkeit, man begleitet sich virtuell durch den Tag, liegt abends gemeinsam im Bett, redet über Sehnsüchte und Pläne und fühlt sich rasch viel näher, als man sich eigentlich ist. Die ähnlichen Interessen sorgen für dieses Gefühl von: Das wars jetzt, er/sie ist so toll und passend, was soll da jetzt noch schief gehen. Es kommt zum ersten Date und da fallen dann plötzlich Abweichungen viel stärker ins Gewicht.

Online-Dating spielt mit unseren Illusionen, die rosa-rote Brille füllt alles, was wir noch nicht kennen, mit schönen Dingen. Die Erwartungen steigen und mit ihnen die Wahrscheinlichkeit, enttäuscht zu werden. Das Kennenlernen mit allen Sinnen, kann nicht durch eine App ersetzt werden, in der ohnehin nur ein Bruchteil der User emotional verfügbar ist.

Zwei ältere Menschen, ein Mann und eine Frau, sitzen im Park auf einer Bank.
Wer sich langfristig binden möchte, sollte ein wenig Aufwand bei der Suche nicht scheuen. Im realen Leben jemanden kennenzulernen ist der goldene Weg, online-Dating aber nicht immer nur schlecht. © dpa

Sie sind offensichtlich kein Fan von Online-Dating, also mal ganz grundsätzlich: Was würden Sie Menschen raten, die mit dem Alleinsein unglücklich sind und einen Partner/eine Partnerin finden möchten? Was sind die ersten Schritte?

Online-Dating-Apps sind nicht per se schlecht, wichtig ist, sich darauf zu besinnen, wo man sich gerade nach potenziellen Partnern umsieht. Nämlich auf einer anonymen Plattform, in der es um Selbstdarstellung geht und nicht jeder wirklich das sucht, was er oder sie vorgibt zu suchen. Es macht einen Unterschied, ob ich etwas aus den Nachrichten oder in der Werbung erfahre und es macht einen Unterschied, ob ich in einer Dating-App flirte oder im Büro. Letzteres hat deutlich mehr Gewicht, passiert nur eben nicht so oft und ist unter Anderem schon dadurch besonders.

In der Dating-App flirtet man ausschließlich mit potenziellen Partnerinnen oder Partnern, da kann man schonmal übermütig werden. Phänomene wie ‚Ghosting‘ (jemand schreibt plötzlich nicht mehr), Mangel an Matches (bedingt durch Oberflächlichkeiten, Langeweile und dem Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau, sowie der Unterschiede im Swipe-Verhalten) sagen nichts über den eigenen Wert, die Sympathie oder die Attraktivität aus. Die Ansprüche in solchen Apps werden mit der Zeit unglaublich hoch, einfach weil die Auswahl riesig ist.

Meldet man sich dort nun an, ist es hilfreich, Fotos auszuwählen, die nicht sonderlich alt sind und auf denen man auch so aussieht, wie man aussieht. Nach Möglichkeit ohne Beautyfilter oder einer Perspektive, die einen schlanker oder breiter wirken lässt, als man ist. Denn sonst wird man den anderen unweigerlich ‚enttäuschen‘, einfach weil man vorher ‚getäuscht‘ hat.

„Eigene Standards sind wichtig“

Kommt es zum Match muss man, je nach App, selbst den ersten Schritt machen oder kann auch warten, bis das Gegenüber schreibt. Im Idealfall entwickelt sich ein natürlicher Gesprächsfluss. Es macht Sinn, sich rasch für ein Telefonat oder auch Videotelefonie zu verabreden. Manche Apps haben diese Funktion integriert, sodass man nicht sofort seine Nummer rausgeben muss.

Männer investieren häufiger in die kostenpflichtigen Premiumfunktionen, in denen man beispielsweise sehen kann, von wem man mit einem ‚Like‘ versehen wurde, während Frauen sehr wählerisch sind und eher selten Geld investieren, weil die Auswahl ganz natürlich größer ist.

Und zu guter Letzt, bei all der Sehnsucht nach einer Partnerschaft oder der Einsamkeit, ist es unglaublich wichtig, eigene Standards zu haben, von denen man nicht abweicht und sich vor dem ersten Date eher darauf zu besinnen, dass es nicht darum geht zu ‚gefallen‘, sondern vor allem darum, ob das Gegenüber gefällt.