Kriminalität

Verschwundene Elfjährige: So geht die Sekte „Zwölf Stämme“ mit Kindern um

In Bayern ist am Wochenende eine Elfjährige beim Joggen verschwunden. Das Mädchen befindet sich offenbar bei ihren leiblichen Eltern in der Sekte „Zwölf Stämme“. Das ist über die Sekte bekannt.
Zwei Mitglieder der Glaubensgemeinschaft „Zwölf Stämme“ geht am 05.09.2013 durch Klosterzimmern bei Deiningen (Bayern) im Nördlinger Ries. Dort lebt die Glaubensgemeinschaft der „Zwölf Stämme“. © picture alliance / dpa

Im bayerischen Landkreis Dillingen ist am Samstag eine Elfjährige beim Joggen verschwunden. Sie hat acht Jahre lang bei ihrer Pflegefamilie gelebt. Nun hat sich offenbar die Sekte gemeldet, der ihre leibliche Eltern angehören. Das Mädchen sei bei ihnen und es gehe ihr gut. Der Sprecher des Polizeipräsidiums in Augsburg sagte, die Authentizität der Mail müsse noch überprüft werden.

„Zwölf Stämme“ heißt die Sekte, sie wurde Anfang der 1970er-Jahre in den USA von Elbert Eugene Spriggs, in der Sekte Yoneq genannt, gegründet. Die Mitglieder bezeichnen sich als bibeltreu, leben in Kommunen ohne persönlichen Besitz. Frauen müssen Kleider tragen. Die Kinder sollen in der Regel nicht in die Schule gehen, sondern zu Hause unterrichtet werden.

Das vom Polizeipräsidium Schwaben Nord veröffentlichte Fahndungsfoto zeigt die elfjährige Shalomah Hennigfeld
Das vom Polizeipräsidium Schwaben Nord veröffentlichte Fahndungsfoto zeigt die elfjährige Shalomah Hennigfeld. © picture alliance/dpa/Polizeipräsidium Schwaben Nord © picture alliance/dpa/Polizeipräsidium Schwaben Nord

Aufmerksamkeit erhielt die Sekte 2013 nach einer investigativen Recherche des RTL-Reporters Wolfram Kuhnigk. Er hielt auf Videos fest, wie Mitglieder der Sekte Kinder mit Rohrstöcken schlugen. Dass in der Erziehung der Kinder der Sekte Gewalt angewendet wird, ist inzwischen durch Gerichtsverfahren und Aussagen von Aussteigern gut belegt, auch die Sekte selbst bekannte sich 2013 auf ihrer Webseite zur Prügelstrafe.

Aussteiger von „Zwölf Stämme“ berichtet von Schlägen

So bestätigt der Aussteiger Robert Pleyer in seinem Buch „Der Satan schläft nie“ Rutenschläge auf den nackten Po, wie die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) berichtet. Gegenüber der SZ sagte er: „Einziges Ziel [der Erziehung] ist die bedingungslose Unterordnung.“ Auch beschreibt er den Alltag der Sektenmitglieder. Sie müssen 16 Stunden am Tag arbeiten – ohne Lohn. Sie haben keine eigenen Computer, das Telefon wird stets beaufsichtigt. Eheleute sollen einander zugeteilt werden. Und: Eltern müssen ihre Kinder züchtigen. „Wenn die Ältesten zu dem Schluss kommen, dass ich ein schlechter Vater bin, nehmen sie mir meine Kinder weg und bringen sie in einer anderen Familie unter“, berichtete 2014 der Aussteiger Pleyer.

So habe er unter anderem bei seiner eigenen Tochter das sogenannte „Restraint“ angewandt: Das acht Monate Kind Asarah hielt er eineinhalb Stunden auf seinem Schoß fest, damit es stillsaß, das Kleinkind brüllte laut seinem Bericht lautstark. Kontrolliert würden alle Maßnahmen von einem nicht demokratisch gewählten Ältestenrat. Pleyer: „Wer den Ältesten widerspricht, widerspricht Gott.“

2013 stürmten Polizeibeamtinnen und -beamte das damalige Geländer der Sekte im bayerischen Landkreis Donau-Ries. Die Behörden entzogen den Eltern von 40 Kindern, die dort damals lebten, das Sorgerecht. Mehrere Eltern wurden wegen der Gewaltanwendung an ihren Kindern verurteilt. Auch eine von „Zwölf Stämmen“ ernannte Lehrerin wurde zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt. Sie gab zu, dass sie ihre Schützlinge mehrmals am Tag mit einer Rute geschlagen habe. Dazu habe sie keine Qualifikation als Lehrerin gehabt.

Sekte siedelte nach Tschechien über

2015 bis 2017 siedelten die Mitglieder von „Zwölf Stämme“ nach Tschechien um. Genauer: nach Skalna nahe der deutschen Grenze. Das Land gilt in Sachen Kinderrechte als Schlusslicht der EU. Denn zwar ist in öffentlichen Einrichtungen die Gewalt an Kindern verboten, doch innerhalb der Familie werden Züchtigungen weder unter Strafe gestellt noch verfolgt.

Ob die verschwundene Elfjährige zu den 40 Kindern gehört, die 2013 aus der Sekte geholt wurden, ist noch unklar. Sie hatte laut dem Bayerischen Rundfunk regelmäßig Kontakt zu ihren Eltern. Laut einem Bericht der „taz“ hätten mehrere Kinder weiterhin Kontakt zu ihren leiblichen Eltern gehalten.

RND

Der Artikel "Verschwundene Elfjährige: So geht die Sekte „Zwölf Stämme“ mit Kindern um" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland