Was beim Stresstest passiert – und warum er so wichtig in der Atomdebatte ist

Wasserdampf steigt aus dem Kühltum des Atomkraftwerks (AKW) Isar 2.
Die Bundesregierung fordert Stresstests für Atomkraftwerke, um zu entscheiden, ob dessen Laufzeit verlängert werden sollen. © picture alliance/dpa
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Grüne gegen FDP, Union gegen Ampel: Die deutsche Politik streitet seit Wochen über längere Laufzeiten für die Atomkraft in Deutschland. Bevor die Bundesregierung aber über einen Weiter- oder Streckbetrieb der AKW entscheiden will, soll ein zweiter Stresstest klären, inwieweit die Energieversorgung im kommenden Herbst und Winter gesichert ist. Erst dann soll eine Laufzeitverlängerung der letzten drei verbliebenen Kernkraftwerke in Bayern, Niedersachsen und Baden-Württemberg geprüft oder endgültig verworfen werden.


Wie läuft der Stresstest ab?

Den Stresstest führen die vier Übertragungsnetzbetreiber – sie sind verantwortlich für den Transport von elektrischer Energie – im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums durch. Dabei würden verschiedene Modelle zum Einsatz von Kraftwerken in Deutschland und im europäischen Ausland durchgerechnet, teilte der Netzbetreiber Transnetz BW dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) mit. Ziel sei zu ermitteln, wie stabil das Stromnetz ist und ob Risiken für die Versorgungssicherheit bestehen.

Die Berechnungen fänden auf Basis von vorgegebenen Annahmen unter anderem zu Stromverbrauch, Gaspreisen und Gasverfügbarkeiten statt. Konkret bedeutet das: Die Netzbetreiber arbeiten mit verschiedenen Szenarien und errechnen, wie viel Strom wann gebraucht wird und ob die Kraftwerke das leisten können beziehungsweise, wo es knapp werden könnte.

So fand der erste Stresstest von März bis Mai unter der Annahme statt, dass russisches Gas ausfällt, der Gaspreis bei 200 Euro pro Megawattstunde liegt und eine hohe Zahl französischer Atomkraftwerke nicht am Netz ist. Der deutsche Atomausstieg war ebenfalls eingepreist. Damals kam die Prüfung zum Ergebnis, dass die Stromversorgungssicherheit im Winter 2022 und 2023 gewährleistet ist.


Welche Bedingungen gelten jetzt?

Noch einmal zusätzlich verschärfte Bedingungen: Dazu gehören zum Beispiel höhere Preisannahmen für Energie als im ersten Stresstest und ein stärkerer Ausfall von französischen Atomkraftwerken, wie es auf RND-Anfrage vom Bundeswirtschaftsministerium hieß. Zudem nehme der zweite Stresstest die „Sondersituation im Süden Deutschlands“, insbesondere in Bayern, noch stärker in den Blick. Die Ergebnisse werden „in wenigen Wochen“ vorliegen, hieß es weiter.

Die FDP forderte, in den Stresstest auch einzubeziehen, dass viele Menschen mit Strom statt Gas heizen könnten: „Angesichts der drohenden Gasknappheit bereiten sich gerade viele Menschen in Deutschland auf das Heizen mit strombetriebenen Radiatoren vor“, sagte Michael Kruse, der energiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, dem RND. „Unsere Stromversorgung im Winter muss deshalb auch bei deutlich höherem Bedarf weiter gewährleistet sein. Der neue Stresstest muss diese angespannte Versorgungslage realistisch abbilden.“

Was ist in Bayern los?

Bayern ist energiepolitisch in einer komplizierten Lage. „Es gibt zwar Gaskraftwerke, aber wenig Kohlekraftwerke; die letzten Kernkraftwerke werden abgeschaltet“, so das Bundeswirtschaftsministerium. 2020 hat Bayern 27,5 Prozent des Bruttostroms aus Kernenergie generiert, 15,9 Prozent aus Erdgas. Werden die Atommeiler abgeschaltet und dann auch das Gas knapp, könnte es für die Stromerzeugung eng werden. Vor allem, weil man sich im Winter nicht auf die in Bayern stark ausgebaute Photovoltaik sicher stützen kann.

Hinzu kommt, dass der Ausbau der Windkraft in den vergangen Jahren durch die Landesregierungen ausgebremst worden war, genau wie der Bau von Stromtrassen. Der fehlende Netzausbau habe zu einer erhöhten Abhängigkeit von Stromlieferungen insbesondere aus Nord- und Ostdeutschland geführt, sagt das Bundeswirtschaftsministerium.

Was passiert nach dem Stresstest?

Sobald das Ergebnis vorliegt, will die Bundesregierung den Weiter- oder Streckbetrieb der Atomkraftwerke neu bewerten. „Wenn der Stresstest ergibt, dass Bayern tatsächlich ein ernsthaftes Strom- beziehungsweise Netzproblem haben könnte, dann werden wir diese Situation und die dann bestehenden Optionen bewerten“, sagte Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) der FAS. Ähnlich äußerten sich andere führende Grünen-Politikerinnen und -Politiker. Damit rückt die Partei von ihrem klaren Nein zu einem Streckbetrieb ab. Bayerns Grüne hatten sich bereits für einen Streckbetrieb vom AKW Isar 2 in Bayern ausgesprochen.

FDP-Energieexperte Kruse pochte auf einen Kernkraftgipfel, bei dem Betreiber, Branchenverbände und Politik jetzt die Rahmenbedingungen für eine Laufzeitverlängerung bis 2024 klären sollen. „Dazu gehört auch die Prüfung des Wiederanfahrens der erst Ende 2021 abgeschalteten drei Kernkraftwerke. Hier gilt die Devise: Haben ist besser als brauchen“, sagte er.

RND

Der Artikel "Was beim Stresstest passiert – und warum er so wichtig in der Atomdebatte ist" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland