Persönliches

Plötzlich Einzelkind: Wenn der große Bruder auszieht

Mit Geschwistern wird es nie langweilig! Man hat immer einen Freund im Zimmer nebenan sitzen, mit dem man Zeit verbringen kann. Aber was, wenn dieses Geschwisterkind plötzlich auszieht?
Ein großer Bruder ist etwas ganz Besonderes: Er passt von Anfang an auf einen auf. © pixabay.de

„Geschwister sind ein Stück Kindheit, das man behalten darf“. Super kitschiger Spruch, aber doch so wahr. Umso schlimmer ist es, wenn exakt dieses Stück Kindheit sich dazu entscheidet, ans andere Ende von Deutschland zu ziehen und mich alleine zurückzulassen.

Genau das ist vor circa sechs Jahren passiert und wenn ich jetzt so darüber schreibe, kann ich mir kaum vorstellen, dass es schon so lange her ist. Seit ich denken kann, war mein großer Bruder an meiner Seite und so unterschiedlich wir auch sind, so gut ergänzen wir uns doch.

Sechs Stunden statt nur einer Zimmertür zwischen den Geschwistern

Und auch, wenn nicht immer alles harmonisch und friedlich war (wie langweilig wäre das bitte?), überwiegen auf jeden Fall unsere schönen Erlebnisse. Aber vier Jahre Altersunterschied heißen eben nicht nur, dass er immer länger fernsehen durfte (ich denke jeder mit Geschwistern kennt diese Diskussion), sondern eben auch, dass er vier Jahre eher mit der Schule fertig war und dann seine eigenen Wege gegangen ist.

Mein Bruder ist damals ca. sechs Autostunden von mir weggezogen und so sehr ich mich auch für ihn gefreut habe, so traurig war ich auch. Wenn ich erzähle, dass das für mich mit meinen gerade 14 Jahren schon ein prägender Moment war, sind einige erst einmal verwirrt. Verständlich. Zum ersten Mal in meinem Leben Einzelkind.

Eigentlich sollte ich mich freuen. Ich habe zwei Zimmer und niemanden, der mir meine Süßigkeiten wegisst oder beim Fernsehen den Sender wechselt.

In vielen Dingen plötzlich auf sich alleine gestellt

Das zweite Zimmer habe ich leider nie bekommen. Und diese kleinen Reibereien ums Fernsehprogramm und die Leckereien im Haushalt machen den Alltag von Geschwistern doch aus. Außerdem, wer hört mir zu, wenn ich mal Mist gebaut habe?

Wer erklärt mir meine Matheaufgaben, wenn ich mal wieder aufgelöst am Schreibtisch sitze? Und wer kämpft mit mir dafür, dass ich eine halbe Stunde länger draußen bleiben darf, weil er mich ja auch abholt?

Kontakt bleibt auch auf Distanz eng

Diese banalen, für mich selbstverständlichen Sachen, wurden auf einmal infrage gestellt. So vieles, über das ich mir vorher keine Gedanken gemacht habe, war nun auf einmal doch was Besonderes. In diesem Moment fällt einem erst auf, wie gut man es doch mit seinem Geschwisterkind hat.

Jetzt rückblickend muss ich sagen, dass alles gut geklappt hat. Ich bin auch so sowohl durchs Mathe-Abi als auch jedes Mal nach Hause gekommen. Vor allem aber ist der Kontakt zu meinem Bruder nicht weniger geworden. Zum Glück haben wir heute Social Media! Er beschwert sich zwar über meine minutenlangen Sprachnachrichten, aber immerhin hört er sich die doch stets an.

Inzwischen lebt er in München und ich bald in Berlin. Kürzer werden die Strecken, die zwischen uns liegen, also erstmal nicht. Aber ich mache mir keine Sorgen mehr. Um Avicii zu zitieren „What if I’m far from home? Oh brother, I will hear you call!“