Im Gespräch mit Scenario

Bosse: „Es gibt im Moment keine größeren Vorbilder als junge Leute“

Auf „Sunnyside“ gibts von Bosse den gewohnten Mix aus Leichtigkeit und Tiefsinn. Im Interview hat er uns verraten, woher er seine Ideen nimmt und warum junge Menschen als Vorbilder dienen.
Für sein neuestes Album "Sunnyside" hat sich Bosse die Sonnenblume als Icon ausgesucht. Im Interview erklärt er, wieso. © MARCO SENSCHE

Seit mittlerweile acht Jahren gehört Bosse zum festen Repertoire, wenn man sich die deutsche Pop-Musik anguckt. Nach all der Zeit hat der Wahl-Hamburger noch immer genug Themen im Kopf, um ganze Alben zu füllen – so wie seine neueste Platte „Sunnyside“. Im Interview hat er uns verraten, wie er nach all den Jahren immer noch Ideen für neue Songs hat und was uns auf seinem neuen Sommer-Album erwarten kann.

Dein Album „Sunnyside“ ist frisch draußen. Ist es eine durchweg sommerlich-heitere Platte oder gibt es auch wieder Songs, die nachdenklich stimmen?

Für mich gilt generell die Regel: „Wenn’s nicht tief genug ist, dann kann ich es nicht rausbringen.“ (lacht) Ich bin nicht für Oberflächlichkeiten angetreten, kann man so sagen. Es gibt bestimmt zwei, drei Nummern, die nicht so viel wollen. Einen Song wie „Wild nach deinen Augen“ habe ich eigentlich nur geschrieben, damit die Leute abends in der Küche stehen, einen guten Wein trinken und danach Geschlechtsverkehr haben. Insgesamt gibt es drei Nummern, bei denen ich sage, dass sie nicht das Tiefste sind, aber dennoch tief genug, um aufs Album zu kommen. Der ganze Rest hat eine gewisse Tiefe. Sonst kann ich aber auch keine Musik machen.

Im Zusammenhang mit der Albumankündigung hast du die Aktion „#zusammenwachsen“ gemeinsam mit einem Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern ins Leben gerufen, bei der Du Sonnenblumenkerne an Deine Fans verschickt hast. Die habt Ihr dann zusammen wachsen lassen. Warum spielt die Sonnenblume beim neuen Album so eine wichtige Rolle?

Als ich einigermaßen fertig war mit dem ganzen Werk, habe ich gemerkt, dass es super oft um Selbstwert, innere Schwächen, Familie und Abschiede geht, aber auch darum, aus Depressionen herauszukommen und wieder Glück zu finden. Trotzdem schlägt das Album, wie ich finde, immer eine Brücke vom Dunklen in Richtung des Hellen und deshalb habe ich es irgendwann „Sunnyside“ genannt.

Und von diesem Bild bin ich irgendwann auf die Sonnenblume gekommen. Ich mag es gerne, immer ein bestimmtes Icon zu haben – bei „Alles und Jetzt“ war es zum Beispiel der Flutschfinger, der ein Peace-Zeichen gezeigt hat. Die Sonnenblume mag ich ganz gerne, weil sie eine gewisse Halbwertszeit hat, aber in einer rasenden Geschwindigkeit aus dem Dreck herauswächst und alles überragt. Ich finde, das ist ein schönes Bild für das Album.

Im Video zu Deiner Single „Der Sommer“ bist Du im Bulli auf einem Roadtrip unterwegs. Wäre ein Roadtrip tatsächlich eine Urlaubsmöglichkeit für Dich oder ist sie dem Leben im Tourbus dann doch zu ähnlich?

Es ist schon so, dass ich – wenn nicht gerade Corona ist – circa 100 Nächte in einem Night Liner schlafe. Deswegen würde ich mich nicht als allererstes wieder für einen Bus entscheiden, wenn ich Urlaub habe. Ich habe aber einen feststehenden Camper in einem Öko-Camp in Hamburg und ohne dass er fährt, fühlt es sich trotzdem nach Bulli-Leben an. Meine Familie und ich überlegen aber sowieso, ob wir nächstes oder übernächstes Jahr mal für ein halbes Jahr komplett rausgehen und Australien oder Neuseeland mit einem Camper befahren. Da macht es für mich dann wieder Sinn, innerhalb Deutschlands aber nicht.

Auf Instagram hast Du geschrieben, dass Du sehr froh über den Song „Vater“ auf Deinem Album bist. Warum ist Dir der Song so wichtig?

„Vater“ ist einfach ein Lied für meinen Alten (lacht). Mein Vater ist zehn Jahre älter als meine Mutter, sonst hätte ich vielleicht auch einen Song für sie geschrieben. Aber bei meinem Vater zieht die Zeit einfach an, er wird immer älter. Wir hatten in der Corona-Zeit ganz schön viele Sachen vor, wie Reisen, die natürlich ausgefallen sind.

Ich habe ihm dann irgendwann einen Brief geschrieben und daraus habe ich den Song gemacht. Das ist einfach ein Danke an meinen Alten. Es geht aber auch weiterblickend darum, dass man sich, bevor man sich dann irgendwann richtig verabschiedet, die Sachen sagt, die man sonst vielleicht nie richtig auf den Punkt gebracht hat.

Fällt es Dir immer leicht, Deine Songs recht schnell zu schreiben oder gibt es auch Tage, an denen Du vorm leeren Papier sitzt und nicht weißt, was Du schreiben sollst?

Die zweite Option beschreibt haargenau mein Leben. Es kann sein, dass ich manchmal drei Wochen unentwegt schreibe und alles in die Mülltonne wandert. Und plötzlich habe ich dann einen Moment, in dem ich so in der Musik drin bin, dass dann vielleicht sogar ein Song dabei rumkommt. Es ist aber meistens nicht so leicht wie bei „Vater“. Am ganzen Album habe ich jetzt, glaube ich, zwei Jahre lang komplett gearbeitet – und es sind am Ende nur 14 Lieder. Lächerlich eigentlich.

Ein weiterer Song auf Deinem Album heißt „Wild nach deinen Augen“. Wie kamst Du darauf, einen Song über die Augen zu schreiben?

Ich fand diese Aussage „wild nach deinen Augen“ einfach gut, weil ich dachte, wenn man schon ein Lied über ein Augenpaar schreibt, dann muss es auch Feuer haben. Mir ist dann irgendwann aufgefallen, dass es super wenig Songs über Augen oder ein bestimmtes Augenpaar gibt, dass ich dazu einfach ein tanzbares Liebeslied machen wollte. Augen finden dich, kritisieren dich manchmal, Augen können dich anlachen, dir Power geben oder sie können dich mit einem einzigen Killerblick komplett platt machen und das fand ich einfach gut.

„Sunnyside“ ist Dein achtes Album und Du stehst mittlerweile seit rund 18 Jahren auf der Bühne. Wie geht man nach all der Zeit noch an Alben ran? Hat man nicht irgendwann alles erzählt?

Ich mache mir im Vorfeld immer viele Gedanken, weil ich eben schon so viel gesagt habe. Ich habe in meinem Leben rund 380 Songs veröffentlicht. Die absolute Wahrheit ist, dass man einfach interessiert bleiben muss und Bock haben muss, aus seinen eigenen textlichen und musikalischen Favelas auszubrechen.

Ich bin deshalb monsterstolz auf Songs wie „Das Paradies“ oder „Blumen über Dreck“, weil es da um gesellschaftliche Themen geht, die nochmal ein ganz anderes Fass aufmachen.

Und sowas macht für mich einfach Sinn. Ich weiß, was ich kann, und versuche, mich davon immer erstmal zu entfernen und neue Sachen auszuprobieren, sowohl musikalisch als auch textlich und dann fängt es auch an, wieder Bock zu machen. Das ist mein Trick, mit dem ich wahrscheinlich auch noch zehn weitere Alben schreiben kann.

Unsere Generation legt immer mehr den Fokus auf Diversität und Nachhaltigkeit. Welche Rolle nehmen diese Themen vielleicht auch für Dich als Musiker ein?

Meine Tochter ist 15, ich selbst habe auch noch einige Freunde, die um die 20 sind und zur Uni gehen, und ich bin total froh über diese Generation, weil sie eben jetzt schon ganz viele Sachen verändert hat. Ich habe da eine wahnsinnige Hoffnung, gerade mit Blick auf Diversität, ökologisches Denken und Leben. Ich hatte solche Themen mit 15 noch gar nicht auf dem Schirm. Bei mir gabs ab und zu mal Prügeleien mit irgendwelchen Nazis, aber viel mehr habe ich in dem Alter nicht getan.

Ich liebe es an der heutigen Jugend und den heutigen jungen Leuten, dass der Ansatz da ist, Dinge fairer, lebendiger, diverser und gesellschaftlich ins Gute zu ziehen. Für meine Tochter ist es seit jeher nie ein Thema gewesen, ob jemand Weihnachten feiert oder nicht, oder ob ihr bester Freund ein Mädchen oder einen Jungen liebt, weil das für sie einfach alles normal ist. Das ist toll! Ich glaube, es gibt im Moment keine größeren Vorbilder als junge Leute. Vor allem auch im Hinblick auf die anstehenden Wahlen.

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