„Nehmen auch Bewerber ohne Schulabschluss“

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Die Holzindustrie ist äußerst vielfältig. Trotzdem entscheiden sich immer weniger Jugendliche für eine Ausbildung in der Handwerksbranche. © picture alliance/dpa
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Von dem Speed-Dating im Jugendtreff Hillerheide hatten sich die anwesenden Firmen mehr erhofft. Kein einziger Jugendlicher schaute am Mittwoch vorbei, um sich in lockerer Runde über Ausbildungsmöglichkeiten im Handwerk zu informieren. Doch statt den Kopf in den sprichwörtlichen Sand zu stecken, nutzten die Unternehmer das Treffen, um sich auszutauschen.

„Wir versuchen inzwischen alles, um an Nachwuchs zu kommen“, sagt Dachdeckermeister Jan Baron aus Datteln. Selbst einen Bewerber ohne Schulabschluss, der dafür zuverlässig und mit Herz bei der Sache ist, würde er einstellen. Jedes Jahr sei der Bewerbungsstapel in seiner Firma kleiner geworden. Nun habe sich zum ersten Mal seit 25 Jahren keiner mehr beworben. Der Dattelner versuche, sich die Social-Media-Entwicklung zunutze zu machen, um darüber das Interesse fürs Handwerk zu wecken. Zwei Azubis könnte er sofort einstellen.

Grundrechenarten sind das A und O

Auch Torsten Jakob, Handwerksmeister im Bereich Sanitär, Heizungsinstallation und Elektrotechnik und Mitglied des Recklinghäuser Kreistags, bindet neue Medien beim Kampf um Nachwuchs ein, indem er etwa erklärt, wie man mit dem Smartphone Licht und Kameras steuern kann. Er hat das Speed-Dating mit dem Anwalt und CDU-Kreisvorsitzenden Michael Breilmann initiiert. Jakob: „Wenn die Rechtschreibung des Bewerbers schlecht ist, dann ist das nicht schlimm. Wichtig ist, dass er die Grundrechenarten beherrscht. Der Dreisatz muss sitzen.“

Nutzen das Speed-Dating zum Austausch: (v.l.) Michael Breilmann (CDU), Bodo Mauermann (CDU), Jan Baron, Jugendtreff-Leiter Björn Schmidt-Freistühler und Torsten Jakob. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Jugendtreff-Leiter Björn Schmidt-Freistühler meint: „Vielen Jugendlichen fehlt heute Erfahrung. In den Jugendtreffs verschwinden Holzwerkstätten zugunsten von Computerräumen. Wir haben jetzt wieder angefangen, mit unseren Jugendlichen Vogelhäuser und Insektenhotels zu bauen.“

Steigbügelhalter für den Nachwuchs

Künftig wollen die beiden Stadtteilmanager Monika Wagner-van der Straten und er mehr Anreize fürs Handwerk schaffen. „Wir versuchen den Jugendlichen ein Steigbügelhalter zu sein“, so Schmidt-Freistühler. „Potenzial gibt es hier bei uns definitiv.“

Torsten Jakob betont, dass man auch ohne Studium Erfolg im Beruf haben könne. Wer sich gut anstelle, könne selbst ohne Schulabschluss einen Ausbildungsplatz ergattern, später seinen Meister machen und eine eigene Firma gründen. Die duale Ausbildung aus Berufsschule und Betrieb sei viel wert, sagt auch Breilmann.

Eine Idee, wie das Speed-Dating mehr Anklang finden könnte, entwickelte sich während des Austauschs ebenfalls. Schmidt-Freistühler: „Wir werden den Kontakt zur Otto-Burrmeister-Realschule suchen und dort hoffentlich frühzeitig einen guten Draht zu den Schülern aufbauen können.“