Kirche

Wie katholische Gemeinden ihre Pfarrbriefe entstauben

Eine Studie zeigt: Pfarrbriefe sind nach wie vor ein wichtiges Medium für die Kirche, um den Kontakt zu ihren Mitgliedern zu halten. Julia Geppert vom Bistum Münster sagt, worauf es dabei ankommt.
Julia Geppert gehört zum Leitungsteam von Pfarrbriefservice.de © privat

Der Pfarrbrief ist das kirchliche oder religiöse Medium, das von Katholiken mit Abstand am häufigsten genutzt wird. Das zeigt der Trendmonitor Religiöse Kommunikation 2020/21. Warum das so ist, was einen guten Pfarrbrief ausmacht und was Gemeinden sich davon versprechen – das sagt Julia Geppert vom Bistum Münster im Interview.

Welche Geschichte hat Sie zuletzt in einem Pfarrbrief besonders berührt oder neugierig gemacht?

Julia Geppert: Es ist keine einzelne Geschichte. Was mich beeindruckt, wenn Redaktionen von Pfarrbriefen die Herausforderung annehmen, die aus der Fusion von Gemeinden entstanden ist. Da kommen drei oder vier eigenständige Gemeindebriefe zusammen, und ich freue mich, wenn ich das neue, gemeinsame Produkt sehe und feststelle, dass sie nicht einfach ihre Gemeinden hintereinander heften, sondern die Themen mischen und als eins denken. Auch das trägt dazu bei, den Zusammengehörigkeitsgedanken zu stärken. Man darf schließlich nicht vergessen: Die meisten machen das ja ehrenamtlich. Spannend finde ich auch, wenn Gemeinden beim Vertrieb neue Wege wählen.

Nennen Sie bitte ein Beispiel!

Geppert: Pfarrbriefe an die Gemeindemitglieder zu bringen, ist ein großer Kostenfaktor – wie überall beim Vertrieb. Daher hat eine Pfarrei bei uns im Bistum beschlossen, ihren Pfarrbrief samstags vor einem Einkaufszentrum zu verteilen. Das ist das, was Kirche tun muss: dorthin gehen, wo die Menschen sind.

Läuft man da nicht Gefahr, an der Zielgruppe vorbei zu agieren?

Geppert: Nein. Denn: Wer ist denn die Zielgruppe? Das sind doch die Menschen in der Pfarrei. Und wenn der eine oder andere darüber hinaus dabei ist, der sich für die katholische Kirche begeistern lässt, ist das doch prima. Grundsätzlich gehen die Pfarreien da sowieso sehr unterschiedlich vor. Die einen verschicken ihren Pfarrbrief nur an Pfarreimitglieder, andere wählen die komplette Haushaltsabdeckung.

Was macht für Sie ein guter Pfarrbrief aus?

Geppert: Es sollte auf jeden Fall mehr als die klassische Rückschau auf Veranstaltungen, Fahrten und so weiter sein. Wenn ich Redaktionen berate, dann empfehle ich ihnen, dass sie für jede Ausgabe ein Oberthema festlegen sollten. Wer jetzt beispielsweise eine Ausgabe für November oder Dezember vorbereitet, könnte das Thema Advent mit Geschichten übers Warten erfassen: Darin sind wir durch Corona ja geübt. Wir warten auf das Ergebnis unserer Testung, auf das Ende der Quarantäne oder darauf, dass die Schulen wieder öffnen, dass die Pandemie zu Ende ist. Und wenn das Ganze auch noch ein Stück weit unkonventionell und vor allem mit Bezug zum Leben der Leserinnen und Leser erzählt wird, wird es seine Leser finden.

Damit mache ich mich bei kirchlichen Organisationen, die von ihrem Ausflug nach Kevelaer oder der Jugendorganisation, die von ihrem Sommerzeltlager berichten wollen, nicht unbedingt beliebt.

Geppert: Da muss man als Redaktion natürlich behutsam agieren und allen Beteiligten die Veränderungen erklären, sie mitnehmen. Aber die Redaktion sollte die Hoheit haben – es soll ja alles vorkommen. Aber eben auch alles im Rahmen.
Und das Ganze bitte nicht in einem Layout, wo es in den Augen wehtut.
Geppert: Da hat sich vieles zum Positiven getan. Immer mehr Redaktionen von Pfarrbriefen legen Wert auf eine moderne Gestaltung – vor allem mit einer ansprechenden Bildsprache. Ich möchte aber deutlich sagen, dass alle Redaktionen ihr Bestes geben, auch wenn es kleine Schritte sind, die die Kommunikation verändern. Wenn es dann noch gelingt, dass die Briefe von Layout und Inhalt überraschen, vielleicht auch, weil es nicht „typisch katholisch“ ist, dann ist das eine tolle Sache.

Aber zu weit weg von kirchlichen Themen dürfen sie sich doch auch nicht bewegen.

Geppert: Das tun sie auch nicht. Schon alleine deswegen, weil die Herausgeberin ja die Pfarrei ist. Zumal man auch darauf achten muss, wo ein Pfarrbrief erscheint, wer die Zielgruppe ist. In Warendorf muss die Ansprache der Leserinnen und Leser eine andere sein als in Recklinghausen oder Duisburg.

Ich könnte mir vorstellen, dass Sie nicht überall mit offenen Armen empfangen werden, wenn Sie mit Verbesserungsvorschlägen ankommen.

Geppert: Wenn ich Pfarrbriefredaktionen berate, dann weil ich eingeladen worden bin, genau das zu tun. Das heißt: Das Bewusstsein und die Bereitschaft zur behutsamen Veränderung sind da. Natürlich kann es als Kritik aufgefasst werden, dass neun verschiedene Schrifttypen in einem Heft nicht optimal sind. Dann höre ich so Sätze wie „Das machen wir doch schon seit 30 Jahren so, ist es nicht mehr gut genug?“ oder „Das soll die Vielfalt der Gesellschaft abbilden.“ Und manchmal steckt hinter diesen Argumenten eine Verletzung, eine empfundene fehlende Wertschätzung des Geleisteten. Deswegen ist bei Beratungen Feingefühl gefragt. Ich versuche dann zu überzeugen, die Menschen mitzunehmen auf den Weg der Veränderung. Meistens klappt’s. Aber um eins festzuhalten: Ich – und auch meine Kolleginnen und Kollegen der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit im Bistum – geben Tipps und Hilfestellung. Wir verkünden keine Dekrete.

Hat der Pfarrbrief während des Lockdowns eine größere Bedeutung gewonnen als zuvor? Schließlich war er möglicherweise das einzige Bindeglied zwischen der Gemeinde und ihren Mitgliedern.

Geppert: Eine solche Bindung kann ein Pfarrbrief meines Erachtens gar nicht schaffen, das wären viel zu hohe Erwartungen. Die Redaktionsteams hatten es während der Lockdowns schwer: Sie konnten sich nicht treffen, dadurch wurden die Abstimmungen erschwert. Die Folge war, dass manche gar nicht, andere in deutlich abgespeckter Form erschienen sind. Es wurden aber auch andere Wege gefunden in den Pfarreien, mit den Menschen in Kontakt zu bleiben, zum Beispiel über das Internet. Das war schon klasse.

Was leistet ein Pfarrbrief denn?

Geppert: Er kann auf alle Fälle dazu beitragen, dass wir als Kirche im Gedächtnis der Menschen bleiben, oder dort hinein kommen. Indem wir zeigen, was alles Gutes vor Ort passiert und dass wir Teil der Lebenswelt der Menschen sind.

Kommen wir zu der Studie. Demnach erreichen Pfarrbriefe auch Menschen, die der Kirche nicht so nahe stehen. Was sagt mir diese Klassifizierung?

Geppert: Wie bei vielen anderen Studien sollten sich die Befragten selber einschätzen. Und dabei kam heraus, dass eben jene Gruppe verhältnismäßig oft unter den Lesern vertreten ist. Das hätte ich so nicht erwartet. Eine andere Kategorie bilden eben jene, die regelmäßig in die Kirche gehen und sich in ihrer Gemeinde engagieren. Die kirchendistanzierten Menschen mit geringer Kirchenbindung und überdurchschnittlicher Austrittsneigung bilden mittlerweile laut Studie mit 34 Prozent die größte Gruppe der Katholiken.

Ein anderer Wert besagt, dass 50 Prozent der Befragten, die von einem Pfarrbrief wissen, ihn regelmäßig oder hin und wieder lesen. Für eine, sagen wir mal Fachpublikation, die ja nicht zufällig in den Briefkästen landet, ist das kein überragender Wert.

Geppert: Doch, die Quote ist gut. Überlegen Sie mal, was Sie in Ihrem eigenen Briefkasten finden und ungesehen ins Altpapier werfen.

Welche Erklärung haben sie dafür, dass Pfarrbriefe in der Altersgruppe der 18- bis 28-Jährigen wahrgenommen werden? Sie gelten ja oft für Macher von Gedrucktem als schwer erreichbar.

Geppert: Eine wissenschaftliche Antwort kann ich darauf nicht geben. Ich glaube, sie sind einfach daran interessiert, was bei ihnen vor Ort passiert, interessiert an Geschichten von vor Ort, die erzählt werden. Da geht es um Erkennbarkeit und um Identifikation.

Welchen Stellenwert hat das Digitale für Gemeinden?

Geppert: Einen sehr guten und immer stärker werdenden: Eine Website ist Standard, auch in den sozialen Medien sind viele Pfarreien vertreten. Und trotzdem dürfen wir noch ordentlich die Werbetrommel rühren, denn Kommunikation ist digital. Wobei wir uns fragen müssen, wen wollen wir wie erreichen? Und mit welchem Medium? Junge Leute sind längst nicht mehr auf Facebook. Das habe ich selbst erkannt, als ich meiner 21-jährigen Cousine mal über Facebook zum Geburtstag gratuliert habe. Drei Monate später hat sie meine Nachricht gelesen. Instagram ist da der Kanal der Wahl. Und es entwickeln sich ständig neue Formen – die Plattform TikTok zum Beispiel. Wichtig ist, dass wir als Kirche solche Entwicklungen mitbekommen – ob wir jeden Trend mitmachen können, ist dann eine andere Frage.
Ein Beispiel?
Geppert: Wir haben im Bistum das Format ,Montagskerze‘ entwickelt. Da melden sich Menschen zu Wort, die sich wünschen, dass man für sie eine Kerze anzündet. Da haben wir jede Woche mehr als 100 Antworten. Einmal hatte sich eine Frau gemeldet, die zwei Fehlgeburten erlebt hatte. Ich war verblüfft, dass sie das so offen in einem solchen Social-Media-Format erwähnte. Was für ein Vertrauensbeweis! Vielleicht funktioniert es, weil es ein extrem niederschwelliges Angebot ist. Diesen Weg wollen wir weitergehen.

Das ist Julia Geppert

Julia Geppert (39) gehört dem Leitungsteam des Portals Pfarrbriefservice.de an.

Auf dem überdiözesan getragenen Portal finden Pfarrbriefredaktionen Tipps, Bilder, Texte und Themenvorschläge. Alles deutschen Bistümer, die Militärseelsorge und Luxemburg arbeiten in diesem Portal zusammen. Geppert ist zudem zuständig für Kommunikationsberatung und Kampagnenkommunikation im Bistum Münster.

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