Der Wochenkommentar

Warum ein Seniorenbeirat überflüssig ist

Nicht einmal jeder Dritte hat in Datteln seine Stimme abgegeben. Das wirft Fragen auf. Möglicherweise ist der Waltroper Weg der richtige. Oder auch der von Oer-Erkenschwick.
Jörn Tüffers ist Ressortleiter Ostvest. © privat

Ein ernüchterndes Ergebnis: Rund 10.500 Dattelner waren dazu aufgerufen, ihre Vertreter für den Seniorenbeirat zu wählen. Lediglich knapp 3000 gaben ihre Stimme ab. Das sind 28,5 Prozent der Wahlberechtigten. Bei der letzten Wahl 2015 lag die Beteiligung bei immerhin 34,2 Prozent.

Man muss wissen: Die 10.500 Frauen und Männer über 60 stehen für knapp ein Drittel der Bevölkerung der Kanalstadt. Und der Anteil der älteren Menschen wächst. Da sollte man meinen, dass das Interesse an einem Gremium, das die Interessen dieses Teils der Bevölkerung vertritt, größer sein müsste.

Der geringe Zuspruch hat mehrere Gründe: Zum einen hat der Seniorenbeirat in seiner sechsjährigen Wahlzeit seit 2015 nicht gerade von sich reden gemacht. Was nicht bedeutet, dass dort nichts auf den Weg gebracht worden wäre; aber öffentlich ist davon kaum etwas geworden. Auch über die nun anstehende Neuwahl wurde wenig bekannt. Was auch an den Verantwortlichen im Rathaus liegt. Anders als sein Waltroper Pendant Marcel Mittelbach verzichtete André Dora darauf, für die Wahl zu werben.

Dann fehlten in den Wahlunterlagen zudem Informationen über die Frauen und Männer, die sich für einen Sitz im neunköpfigen Seniorenbeirat bewarben. Das beklagten jedenfalls Leser, die sich an unsere Zeitung gewandt hatten. Das wiederum hat nicht die Stadt zu verantworten, sie ist schließlich zur Neutralität verpflichtet. Das änderte aber nichts daran, dass vermutlich nur ein geringer Teil der Wahlberechtigten wusste, wer sich denn da zur Wahl stellt.

Möglicherweise gibt die geringe Wahlbeteiligung den Anlass, um über den Wahlmodus nachzudenken. In Waltrop werden die Mitglieder des Seniorenbeirats zum einen Teil von Delegierten der Vereine vorgeschlagen, die sich für die Belange älterer Menschen einsetzen. Zum anderen besteht der Beirat aus Mitgliedern, die sich selbst gemeldet haben und per Zufallsverfahren in das Gremium gelangt sind. Und ja, der Beirat hat sich in der Vergangenheit – zum Leidwesen so manchen Politikers oder Rathausbeamten – immer wieder lautstark Gehör verschafft. Das hängt aber im Wesentlichen mit den handelnden Personen zusammen.

Oer-Erkenschwick macht es noch anders. Dort verzichtet man auf ein solches Gremium. In der Stimbergstadt betreibt der einflussreiche Seniorenclub Lobbyarbeit für seine Klientel. Vielleicht ist das nicht das Schlechteste – und auch ein Weg für andere Städte: Nach jeder Wahl werden neue Gremien und Arbeitskreise für neue Personenkreise oder Themenfelder geschaffen.

Mal ehrlich: Was sagt es über unser politisches und gesellschaftliches Verständnis aus, dass die Interessen einer solch wichtigen Gruppe wie die der Senioren in einen Bei-Rat (der Begriff sagt schon alles) abgeschoben werden. Das gleiche gilt für Kinder und Jugendliche, Migranten und Menschen mit Behinderung. Ist nicht die bestmögliche politische Interessenvertretung diejenige, die die Rechte und Interessen aller Menschen, aller Bürger wahrnimmt? Alles andere ist doch nur ein Feigenblatt. Aber so ist leider (noch) die Realität.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: tueffers@mpg-vest-service.de

Der Abend in Datteln

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt