Gespräch mit einem „Vincenz“-Gynäkologen

Spätgebärende Mütter: Das Alter ist nicht das Problem

Mütter sind heute älter als früher, wenn sie ihr erstes Kind zur Welt bringen. Wir sprachen mit Dr. Ralf Schulze, Chefarzt für Geburtshilfe in Datteln, über Ängste, Risiken und Mutterglück.
Mütter werden im Schnitt immer älter, wenn sie ein Kind zur Welt bringen. Nach Angaben des Statistik-Landesamtes IT.NRW lag das durchschnittliche Alter von Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes im vergangenen Jahr mit 30,1 Jahren um 0,1 Jahre höher als ein Jahr zuvor. © picture alliance/dpa

Sie waren im Schnitt 30,9 Jahre alt, die Frauen, die im Kreis Recklinghausen im Jahr 2020 ihr erstes Kind zur Welt brachten. Damit waren sie sogar noch ein bisschen älter als Erstgebärende im Landesmittel: NRW-weit lag der Schnitt bei 30,1 Jahren. Landes- und kreisweit gilt jedenfalls, dass Frauen vor zehn Jahren noch ungefähr ein Jahr jünger waren, als ihr Erstgeborenes zur Welt kam. Ist Alter ein Problem, wenn Frauen schwanger werden? Wir haben Dr. med. Ralf Schulze gefragt. Er ist Chefarzt für Geburtshilfe am St.-Vincenz-Krankenhaus in Datteln und hat schon unzählige Male geholfen, kleine Menschen auf die Welt zu bringen. Und deren Mütter, so die Erfahrung von Dr. Ralf Schulze, sind immer häufiger auch schon etwas älter.

Adipositas als „Sorgenfall“

Das Alter an sich, so lässt sich die Einschätzung des Mediziners am „Vincenz“ auf den Punkt bringen, ist nicht das Problem. Das Problem ist eher, dass mit zunehmendem Alter bei Frauen auch die Wahrscheinlichkeit von gesundheitlichen Problemen größer wird. Dr. Ralf Schulze sieht vor allem Adipositas, also krankhaftes Übergewicht als „Sorgenkind“. Dabei steht aber nicht das hohe Gewicht an sich im Vordergrund, wenn es darum geht schwanger zu sein und ohne Komplikationen später ein Kind zu gebären. Sondern es sind die Dinge, die – häufiger als bei schlanken Menschen – mit Übergewicht einhergehen. „Das sind beispielsweise Schwangerschafts-Diabetes, viele haben Bluthochdruck oder dieser entwickelt sich in der Schwangerschaft.“ Und das könne dann zu einer Dysfunktion der Plazenta führen, sprich das Kind wird in der Gebärmutter nicht gut genug mit allen wichtigen Nährstoffen und Sauerstoff versorgt.

Dr. Ralf Schulze ist am St.-Vincenz-Krankenhaus Chefarzt in der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. © Archiv © Archiv

Was natürlich auch ein Risikofaktor für Schwangerschaft und Geburt ist, sind Alkohol- und Drogenkonsum, die sich auf den Gesundheitszustand der werdenden Mutter auswirken. Aber damit hätten sie es in Datteln weniger zu tun als das beispielsweise in Großstädten der Fall sei.

Etwas verkürzt auf den Punkt gebracht ist es so: Dr. Schulze hat bei einer fitten 40-Jährigen weniger Bedenken als bei einer 27-Jährigen, die mehr Kilos mit sich herumträgt, als gut für sie ist.

Generell wird übrigens bei Frauen, die nach ihrem 35. Lebensjahr schwanger werden, das Merkmal „Risikoschwangerschaft“ vergeben.

Stichwort

Risikoschwangerschaft

Von einer Risikoschwangerschaft spricht man generell, sobald die Mutter 35 Jahre oder älter ist bei ihrem ersten Kind.

Als Risikoschwangerschaft wird es auch eingestuft, wenn eine Mehrlingsschwangerschaft vorliegt oder wenn es bei vorhergehenden Geburten Komplikationen gegeben hat. Oder aber, wenn es in der Familie gewisse Erbkrankheiten gibt.

Für Risikoschwangerschaften gibt es spezielle Vorgaben, was die ärztliche Betreuung der Schwangeren angeht, die sogenannten Mutterschafts-Richtlinien. Darin steht im Detail beschrieben, wie die Betreuung aussehen soll – von „Wie oft soll ein Ultraschall gemacht werden?“ über die Frage, wann der Stand der Gebärmutter untersucht oder die kindlichen Herzaktionen kontrolliert werden.

Etwa 25 Prozent der Frauen, die am Vincenz betreut werden – angeschlossen ist bekanntlich auch das Perinatalzentrum, wo unter anderem Frühgeborene betreut werden – seien 35 Jahre und älter, sagt Dr. Ralf Schulze, wobei 20 Prozent 35 bis 40 Jahre alt sei und fünf Prozent „Ü40“, wobei der Anteil der Über-40-Jährigen relativ konstant sei.

Er wolle aber den Frauen – und das gilt für jüngere wie für ältere – auf keinen Fall Angst machen, unterstreicht Dr. Ralf Schulze, sondern er macht im Gegenteil „Mut zur Schwangerschaft“. Nur müsse eben die Betreuung dann vielleicht etwas engmaschiger sein. Aber genau dazu seien sie am Vincenz-Krankenhaus ja da. Und der Gynäkologe macht auch diese Erfahrung: Ältere Frauen seien bisweilen in der Schwangerschaft gesundheitsbewusster.

„Die Eizellen altern mit der Frau“

Stichwort Angst: „Wer gut durch die Schwangerschaft geführt wird“, führt Dr. Schulze weiter aus, „dem kann meist auch die übermäßige Angst genommen werden.“

Die andere Sache ist: Das Alter habe eben auch etwas damit zu tun, überhaupt erst schwanger zu werden. „Die Eizellen altern mit der Frau“, bringt Schulze es auf den Punkt. Am „besten“ seien die letzten Jahre in den Zwanzigern bei einer Frau. „Da ist die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden am höchsten“, so Dr. Schulze. Ab dem 33. Lebensjahr nehme sie dann ab und Fehlgeburten träten häufiger auf.

Aber das möchte Dr. Schulze allem voran betont wissen: Er freut sich über jedes Mutterglück, das möglich wird, egal welchen Alters. Er will nur eines: eine gesunde Mutter und ein gesundes Kind.

Daten und Fakten

Mütter-Alter

Das durchschnittliche Alter von Frauen in Nordrhein-Westfalen lag zu dem Zeitpunkt, zu dem sie ihr erstes Kind zur Welt bringen, im Jahr 2020 bei 30,1 Jahren. Das ist 0,1 Jahr höher als im vorhergehenden Jahr, teilt der Landesbetrieb IT.NRW mit.

Noch deutlicher wird der „Alterssprung“, wenn man zehn Jahre zurückblickt: Im Jahr 2010 waren Frauen bei der Geburt durchschnittlich 29 Jahre alt – heute sind es 30.

Laut IT.NRW zeigen sich auch regionale Unterschiede: Die Frauen in Gelsenkirchen waren bei der Geburt ihres ersten Kindes im Schnitt 28 Jahre alt. In der Revierstadt lebten damit die NRW-weit jüngsten Mütter. Düsseldorferinnen bekamen hingegen erst mit durchschnittlich 32,1 Jahren ihr erstes Kind – vier Jahre später.

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