Erschütternde Familiengeschichte

Wofür der Marler Andreas Christoph Schmidt den Grimme-Preis bekommt

Der Marler Andreas Christoph Schmidt (64) erhält seinen dritten Grimme-Preis für die bewegende ARD-Dokumentation „Vernichtet - Eine Familiengeschichte aus dem Holocaust“.
Andreas Christoph Schmidt bei den Dreharbeiten für seine Dokumentation. © Andreas Christoph Schmidt

Als Schüler fläzte er sich gern in einen Ledersessel im Rathaus und sah dort auf Monitoren die für den Grimme-Preis vorgeschlagenen Fernsehsendungen an. Heute lebt der Marler Andreas Christoph Schmidt (64), in Berlin und ist selbst dreifacher Grimme-Preisträger.

Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz erzählte er die Geschichte einer jüdischen Familie aus dem kleinen Brandenburger Dorf Glambeck. Die Witwe Rosa Labe führte dort einen Kolonialwarenladen. Ihr Sohn Paul arbeitete bei einem Bauern als Knecht, die Kinder Dora und Theo gingen in die Dorfschule. In der Reichspogromnacht brannte plötzlich das Hab und Gut der Familie auf dem Dorfplatz. Die Nationalsozialisten rissen die Familie auseinander.

Persönliche Sicht auf die Familie

Die Mutter Rosa wurde nach Berlin vertrieben, ihre Kinder wurden ihr weggenommen. Später wurden die Witwe und ihre Kinder in verschiedene Vernichtungslager deportiert und ermordet – in Auschwitz, Kaunas, Treblinka…

Andreas Christoph Schmidt kontrastiert die beschaulichen Bilder des Dorfes mit historischen Archivaufnahmen. Vor seiner Kamera erinnern sich Frauen aus dem Dorf, wie der Nachbar sich in der Kneipe mit anderen zusammenrottete und den Besitz der Familie verbrannte. Bald sprach niemand im Dorf mehr über die Labes…

Schritt für Schritt rekonstruierte Schmidt die Verbrechen, öffnet Akten, in denen der Kommandeur des Sicherheitsdienstes von Litauen sein Ziel protokollierte, „das Judenproblem zu lösen“: Die Durchführung sei „in erster Linie eine Organisationsfrage“, heißt es in mitleidlos bürokratischem Ton. Nackt musste Rosa Labe sich mit anderen in Gruben legen, die Juden wurden mit Maschinengewehrsalven erschossen. Dann wurden die Gruben zugeschüttet. Das Kommando kontrollierte nicht einmal, ob alle tot waren.

Die persönliche Sicht auf die Familie und die zurückhaltende Dokumentation der unfassbaren Grausamkeiten steigert die Wirkung dieses Films. Wir sprachen mit Andreas Christoph Schmidt:

Wie sind Sie gerade auf diese Brandenburger Familie gekommen?

Ich fahre viel mit dem Rad durch Brandenburg. Da bin ich auch durch das Dorf Glambeck gekommen. Am Kreisverkehr stieß ich auf den Gedenkstein für Familie Labe, der im Film vorkommt. Da dachte ich, das ist mein Thema. Es gab schon eine Anfrage der Redaktion, etwas zum 27. Januar und zum Nachdenken über Auschwitz zu machen, aber dieser theoretische Ansatz gefiel mir nicht. Ich dachte: So kann man konkret Spuren verfolgen.

Ihre Filme behandeln viele Themen aus der nationalsozialistischen Vergangenheit und dem zweiten Weltkrieg. Haben Sie sie mal in Schulen gezeigt?

Ich werde gelegentlich zu Veranstaltungen an Unis und Volkshochschulen eingeladen, da wird auch diskutiert. An Schulen hat es bisher nicht geklappt, aber ich bin der Meinung, dass man Jüngere mit den Filmen gut ansprechen und zum Nachdenken bringen kann. Wenn man Schicksale von Familien aus der Nachbarschaft verfolgt, bekommt man einen ganz anderen Zugang zur Geschichte.

Als Schüler haben Sie sich im Rathaus die Grimme-Preis-Filme angeschaut. Im Interview sagten Sie uns, der Grimme-Preis war für Sie mehr Schule als Latein und Mathe. Hat man damals über die Filme debattiert?

Nein, die liefen einfach im noblen Rathaus. Die hatten da so schöne Monitore und Lederfauteuils, da konnte man sich hinsetzen und gucken. Ich war ganz unbefangen. Die Eindrücke waren gewaltig, die Filme damals schon ziemlich gut. Dadurch habe ich verstanden, was Fernsehen sein kann und später selbst Fernsehen gemacht.

Heute kann man die preisgekrönten Filme jederzeit auf Youtube oder in der Mediathek sehen. Ist es da überhaupt denkbar, so eine Tradition im Rathaus wiederzubeleben?

Durchaus. Man könnte ja zusätzlich Veranstaltungen anbieten, das wäre eine schöne Belebung. Alle die nominiert sind, würden sicher gerne nach Marl kommen, Rede und Antwort stehen.

Was ist das für ein Gefühl, jetzt selbst den Grimme-Preis zu bekommen, sogar den dritten?

Ein sehr schönes. Ich bin ja auf einem Nebengleis unterwegs, meine Filme werden spät am Abend gesendet und das Budget ist lächerlich im Vergleich zu dem, was man sonst im deutschen Fernsehen sieht. Aber die Jury hat gesehen, dass es möglich ist, dramatisch und emotional zu erzählen, selbst wenn man Papiere aus dem Archiv zeigt. Man kann korrekt arbeiten wie Historiker und trotzdem wird es emotional. Dieser Preis gibt mir Kraft, zu sagen: So wollen wir weiterarbeiten. Der ist Wind in meine Segel.

Der Historiker Andreas Christoph Schmidt, 1957 in Herten geboren und in Marl aufgewachsen, ist als Autor, Regisseur und Produzent tätig. Neben Spielfilmen drehte Schmidt vor allem Dokumentationen. Häufig stehen Geschichte und Gegenwart Russlands im Mittelpunkt seiner Arbeit.

Für seine Fernsehdokumentationen gewann er unter anderem den Grimme-Preis (2007 als Produzent der Dokumentation über Fritz Lang und 2017 für Schatten des Krieges. Teil 2: Das vergessene Verbrechen)

Andreas Christoph Schmidt lebt seit über 30 Jahren mit seiner Familie in Berlin. Das Design des Grimme-Preises vergleicht er mit einem Ventilator, der frischen Wind ins Kulturleben bläst.

Mehr über die Preisverleihung in Marl finden Sie hier.

Die wichtigsten Auszeichnungen stellen wir auf dieser Seite vor.

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