Die neue Ausstellung im Glaskasten Marl

Selbst Herkules wirkt schwerelos

Einem Künstler, der kompromisslos seinen Weg ging, widmet der Glaskasten eine seiner letzten Ausstellungen. Günter Haeses hauchzarte Raumplastiken aus Draht verblüffen durch ihre Poesie.
Magnus Haese mit einer filigranen Drahtskulptur seines Großvaters. Schon ein Lufthauch genügt, um sie in Bewegung zu setzen. © Heinz-Peter Mohr

Wolkenkratzer, Monde und antike Superhelden formte Günter Haese aus zerbrechlichen Federn. Wer sich im Marler Skulpturenmuseum seinen Kunstwerken nähert und nur einen Atemhauch ausströmt, bringt sie damit in Bewegung.

Günter Haese (1924 – 2016) studierte an der Kunstakademie Düsseldorf, wurde Schüler des Bildhauers Ewald Mataré. Eine kleine Stierbronze aus den 1950er-Jahren wirkt wie eine Hommage an den Meister. Doch in den surreal wirkenden Pferden aus Bronze, die kurz darauf entstanden, ist Haeses Stil bereits erkennbar.

Die Poesie der Kuckucksuhr

Er fand ihn 1962, als er Schwarzwälder Kuckucksuhren auseinandernahm und deren Spiralfedern und Zahnrädchen als Baumaterial für seine verspielten Objekte entdeckte. Die erste Einzelausstellung katapultierte Günter Haese sofort in die Champions League des Kunstbetriebs. Als erster Deutscher nach dem Krieg wurde er zu einer Solo-Ausstellung im Museum of Modern Art in New York eingeladen, erläutert Georg Elben, der Leiter des Marler Skulpturenmuseums.

„Ein anderer Mond“ nannte Günter Haese diese Drahtplastik von 1963. © Heinz-Peter Mohr © Heinz-Peter Mohr

Schwerelos wirkende Geflechte aus Kugeln und Spiralen wurden zu Haeses Markenzeichen. Einige lassen Türme, Terrassen, Tiere erkennen, den antiken Herkules und die Skyline von Manhattan. Andere sind präzis konstruierte Fantasiegebilde. In seinen letzten Jahren kombinierte der Künstler Messingdraht mit Phosphorbronze.

Den Herkules, eine Skulptur aus Drähten und Phosphorbronze, gestaltete Günter Haese 2011. © Heinz-Peter Mohr © Heinz-Peter Mohr

Das Schönste war der Besuch im Baumarkt

Günter Haese stellte bei der documenta in Kassel aus, bei der Biennale von Venedig und in der Londoner Tate Gallery. Doch wichtig war ihm keine künstlerische Karriere, sondern sein Werk. Noch mit über 90 Jahren, bis zu seinem Ableben, hat er daran gearbeitet, erzählt sein Enkel, der Ingenieur Magnus Haese, bei der Präsentation in Marl: „Das Schönste war für meinen Großvater, in den Baumarkt zu fahren und dort neues Material zu entdecken.“ Günter Haese habe mit ihm nie über seine Kunst gesprochen, aber seinen Blick mitgeteilt: „Bei einem Spaziergang sagte er, die Bäume sind aber malerisch, die könnte man gut zeichnen. Oder er entdeckte das Athletische eines Körpers…“

Die Präsentation im Skulpturenmuseum ist eine der letzten vor dessen Umzug ins Kulturzentrum Marschall 66 – und eine Hommage an den transparenten Glaskasten als Ausstellungsort. Gezeigt wird Haeses Kunst auf einem System offener Boxen, das die Künstlerin Erika Hock eigens für das Marler Museum anfertigte.

Kooperation mit drei Museen

Die Ausstellung in Marl ist eine Kooperation mit dem Museum Lothar Fischer in Neumarkt, dem Ernst Barlach Haus Hamburg und der Galerie Thomas in München. Sie endet am 24. Oktober 2021.

Anmeldungen für die Eröffnung am Sonntag, 15. August, nimmt das Skulpturenmuseum unter der Rufnummer 02365 99 2257 entgegen. Es ist dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr geöffnet, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Gebührenfreie Führungen finden donnerstags um 15.30 Uhr und sonntags um 11.30 Uhr statt. Das Tragen einer medizinischen Maske ist Pflicht.

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