Bundestagskandidatin im Porträt

„Ich mag Herausforderungen“

Ulrike Eifler will für Die Linke in den neuen Bundestag einziehen. Den Wahlkreis lernt die erfahrene Politikerin und Gewerkschafterin gerade erst richtig kennen.
Ulrike Eifler (Die Linke) © Meike Holz

Wir treffen die Bundestagskandidatin für Die Linke vor den Toren des Chemieparks in Marl. Der größte Industriestandort im Kreis Recklinghausen mit mehr als 10.000 Beschäftigten ist einer der Orte, den sie bis vor Kurzem noch gar nicht kannte. Denn die Politikerin ist neu in der Region, für die sie in den Bundestag ziehen will. Seit Wochen ist die Kandidatin unterwegs, um diesen und andere markante Stellen in den fünf Städten zu erkunden.

Ulrike Eifler ist die Einzige unter den Kandidaten im Wahlkreis 122 (Marl, Datteln, Haltern am See, Herten und Oer-Erkenschwick), die am 26. September in den Bundestag gewählt werden möchte und nicht aus einer der fünf Wahlkreisstädte kommt. Die Kandidatin der Partei Die LINKE hat seit kurzem in Duisburg ihren Wohnsitz, stammt aus der Nähe von Berlin und war 20 Jahre lang im Nachbarbundesland Hessen zu Hause. 2019 übersiedelte sie nach Genf. Beruf und Partei liegen für die Mutter einer Tochter nah zusammen. Seit ihrer Jugend ist sie engagierte Gewerkschafterin, jetzt arbeitet sie für die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

„Ich mag Herausforderungen“, sagt sie auf die Frage, warum sie jetzt in der ihr bis unlängst noch unbekannten Region für Die Linke antritt.

Im Wahlkreis unterwegs

Seit Wochen ist sie unterwegs, um ihren Wahlkreis kennenzulernen „und ein Gefühl für die Region“ zu bekommen. Das praktische Faltrad hat sie immer dabei – entweder in Bus oder Bahn oder im Kofferraum des gemieteten Autos, mit dem sie an dem Tag anreist, an dem wir uns treffen.

Die Kandidatin ist guter Dinge, sich Städten und Menschen am nördlichen Rand des Reviers schnell anzunähern. Sie hat sich stillgelegte Zechen – AV in Marl und Ewald in Herten – angeschaut, macht Touren durch Marl und lernt dabei die Qualität von Radwegen kennen. Sie ist beim Jugendforum in Herten und am Info-Stand in Oer-Erkenschwick zu Gast, fährt zum Kraftwerk in Datteln und zum Stausee in Haltern am See, um sich ihren Wahlkreis Stück für Stück zu erschließen. sie tritt in Online-Diskussionen an und sucht das Gespräch mit den Menschen.


Als sie 14 war, fiel die Mauer

„Dass ich zugesagt habe, hier anzutreten, als ich gefragt wurde, hat mit meiner Biografie zu tun“, erklärt die in Eberswalde in Brandenburg geborene und aufgewachsene Politikerin. Wie sich Strukturwandel vollzieht und was er mit den Menschen macht, habe sie als Kind und Jugendliche erlebt. Als sie 14 war, fiel die Mauer. „In meiner Familie wurden erstmal alle arbeitslos“, erinnert sie sich.

Unterwegs sein, das gehört zum Leben der Politikerin, die mit Leidenschaft Gewerkschafterin ist. Seit zwei Jahren arbeitet sie für die Rosa-Luxemburg-Stiftung und forscht zur Zeit dort am Institut für Gesellschaftsanalyse zu Autoritarismus und Gewerkschaften. Ihre Chance für die Linke in den Bundestag einzuziehen, stehen gut – auch wenn sie den Wahlkreis nicht gewinnt. Mit Listenplatz 7 gehört sie zu gesetzten Kandidaten ihrer Partei.

Eberswalde – der Ort, der traurige Schlagzeilen machte

Privates und Politik zu trennen, das fällt bei der Politikwissenschaftlerin einfach schwer. Sie wurde 1975 in Eberswalde in der damaligen DDR geboren – dem Ort, der traurige Schlagzeilen machte, als dort 1990 Antonio Amadeu ermordet wurde – ein frühes Opfer rechtsextremer Gewalt in Deutschland. „Da waren Leute aus meiner Schule dabei“, sagt sie, das mache sie heute noch traurig. Dass Herkunft, Religion und sexuelle Orientierung eines Menschen keine Rolle spielen dürfen, war damals schon ihre feste Überzeugung und ist es geblieben.

Aber dass sie mit dieser menschlichen Haltung mal eine politische Karriere machen könnte, wurde Ulrike Eifler nicht in die Wiege gelegt. „Ich stamme aus einer Familie, in der alle Frauen Krankenschwestern waren“, erzählt sie. Es schien ausgemachte Sache, dass auch sie die Tradition fortsetzen würde. „Ich war die erste aus meiner Familie, die studiert hat – und dann auch noch Politik. Meine Eltern waren zuerst dagegen“, sagt sie rückblickend.

Weil Menschen friedlich auf die Straße gehen

In Eberswalde erlebte Ulrike Eifler als Jugendliche in der Zeit der Wende, dass Veränderungen möglich sind, weil Menschen friedlich auf die Straße gehen. Mit dem Umbruch verbunden war eine starke Dynamik. Der Westen, das war zuvor aus Sicht der DDR ein Bild, das Angst machte. „Kapitalismus ist Armut, Ungerechtigkeit, Arbeitslosigkeit, Krieg“, wurde ihr damals vermittelt. Dann habe sie begriffen, dass Freiheit dazu gehört, und welches hohe Gut die Demokratie ist.

Zum Studium nach Hessen

Zum Studium – Politik und Sinologie – zog Ulrike Eifler nach Marburg in Hessen. „Die meisten gingen damals nach Berlin, aber das war mir zu nah.“ Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, wurde sie schnell berufstätig und nahm neben dem Studium eine Halbtagsstelle im Einzelhandel an. „Ich wollte auf eigenen Füßen stehen“, so beschreibt sie, was sie damals umtrieb. Bald darauf war sie auch aktive Gewerkschafterin. „Es tat gut zu erkennen, dass man Rechte hat, aber ich finde es auch wichtig zu wissen, wie man sie durchsetzen kann“, betont sie. Gerade aus ihrer Erfahrung in der eigenen Familie war ihr das besonders wichtig: „Durch die Krankenschwestern in meiner Familie kannte ich Feiertagsarbeit, Überstunden und die psychische Belastung, die ein Berufsalltag mit sich bringt. Aber ich bin auch mit dem Stolz aufgewachsen, dass meine Mutter und Großmütter eine wichtige Tätigkeit ausübten.“

2003 kam die Tochter zur Welt

Gegen Ende des Studiums wurde Ulrike Eifler schwanger und bekam 2003 Tochter Emma. Nach dem Abschluss arbeitete sie als Journalistin und Hörbuchrezensentin, dann wurde sie hauptamtliche Gewerkschaftssekretärin beim Deutschen Gewerkschaftsbund in Hessen. Vor allem in Hanau habe sie sich wohl gefühlt, erzählt sie. Zusammenhalt, Ruppigkeit und Warmherzigkeit, so beschreibt sie die Menschen, mit denen sie dort gelebt und gearbeitet hat.

Politik und Gewerkschaft haben viel Raum im Leben von Ulrike Eifler. Privat pflegt sie ihre Leidenschaft fürs Kochen und versucht gern, Fastfood-Gerichte auf gesunde Weise vegetarisch oder vegan nachzukochen. Auch der chinesischen Küche kann die Sinologin viel abgewinnen.

Auf Reisen in europäische Städte

Außerdem hat Ulrike Eifeler ein Faible für Fremdsprachen. Gerade hat sie begonnen, Griechisch zu lernen. Sprachen helfen der reisefreudigen 46-Jährigen auch, wenn sie mit Tochter Emma auf Reisen unterwegs ist. Sie genießt es, mit der 18-Jährigen möglichst viel Zeit zu verbringen. Gemeinsam erkunden sie internationale Metropolen als Rucksacktouristinnen. „Wir möchten uns alle Hauptstädte in Europa ansehen“, berichtet sie.

Vor den Toren des Chemieparks in Marl: Ulrike Eifler steigt aufs Rad und macht sich auf den Weg, ihren Wahlkreis zu erkunden. © Meike Holz © Meike Holz

Eine weitere Liebe, die sie seit Jahren durchs Leben begleitet, ist die Literatur. Ulrike Eifler sitzt am liebsten im Café und liest. „Im Moment reicht die Zeit nur für politische Texte und Wahlprogramme“, gesteht sie.

Aber ebenso gern sitzt sie am Schreibtisch und verfasst eigene Lyrik und Prosatexte. Gedichtbände über das Auf und Ab im Leben sind vor einigen Jahren erschienen.

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