Ruhrfestspiele

Vollgas mit Glitzer-Highheel

Mit „Goodyear“ liefert René Pollesch bei den Ruhrfestspielen rasantes Gute-Laune-Theater und feiert die Rückkehr auf die Bühne.
Vergnüglicher Spagat zwischen Show und Schauspiel: „Goodyear". © Arno Declair

Die kleinen Gänge überlässt er anderen. René Pollesch schaltet lieber direkt hoch, der Autor und Regisseur gibt gerne Gas, lässt seine Schauspieler durch den Text rasen und überschüttet das Publikum mit einem Wortschwall. Sein neues Stück „Goodyear“, kürzlich am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt und jetzt live bei den Ruhrfestspielen zu sehen, verlegt er gleich auf die Formel-1-Strecke – Geschwindigkeitsrausch inklusive.

Es geht ums Rennfahren

Es geht ums Rennfahren: mit schönen Boxenludern, optimalen Bremswegen und voller Beschleunigung. Sogar beerdigt wird in dieser Welt mit Gute-Laune-Musik auf der Überholspur – kein Grund für Trauer oder Boxenstopp.

Alles genau wie im Theater, das nach dem Lockdown von Null auf Hundert aufdreht. „Gar nichts hat sich verändert. Nichts“, sagt Sophie Rois direkt am Anfang. Hier wie da wird die so eitle wie oberflächliche Vergnügungsmaschinerie ohne Rücksicht auf die auf der Strecke gebliebenen Verlierer wieder hochgefahren.

Jetzt wird die Rückkehr auf die Bühne gefeiert!

Es war kein „Goodyear“, aber was soll’s, jetzt wird die Rückkehr auf die Bühne gefeiert! Und so spielen Christine Groß, Astrid Meyerfeldt, Katrin Wichmann, Sophie Rois und Jeremy Mockridge in ihren schnittigen Overalls vor dem großen Wolken-Vorhang nicht nur schnelle Rennfahrer, sondern in erster Linie vier aufgedrehte Schauspielerinnen und Schauspieler, die über die Sinnhaftigkeit ihres Berufs grübeln und dabei ständig nach ihrer Figur suchen.

Wechsel zu den Grundfragen des Spielens

Haben sie gerade noch gegen dröhnende Motoren und quietschende Bremsen in endlosen Satzkaskaden über den testosterongesteuerten Motorsport gefachsimpelt, – in denen Rennpiloten-Frauen immer ein Witwenkostüm im Gepäck haben, weil frau ja schließlich in jeder Situation gut aussehen will –, markiert eine Filmklappe den Wechsel zu den Grundfragen des Spielens. Ganz wichtig: Der Fuß, auf der Bühne von Barbara Steiner als riesiger fahrbarer Glitzer-Highheel „mit 1498 Kubikzentimeter Hubraum“ sichtbar, muss in der Rolle und auf der Strecke immer in der Tür bleiben. Deshalb nimmt man ihn auch keine Sekunde lang vom Gas.

Komische, zynische und intelligente Assoziationsketten

Und so reihen sich die komischen, absurden, zynischen und intelligenten Assoziationsketten und Dialogschleifen über die PS-starke Machowelt, die Starallüren der szenischen Künste und die Unmöglichkeiten und Möglichkeiten auf der Bühne des Lebens mit einem Affentempo aneinander, dass einem schwindlig wird. Dass man trotzdem nicht aus der Kurve fliegt, ist der lässigen Leichtfüßigkeit des Abends geschuldet. Mit wunderbaren Sätzen wie: „Geschwindigkeit hab‘ ich im Gesicht“ oder „Du hängst an deinem Text fest wie an Privateigentum“. Die Stimme von Sophie Rois schaltet dabei mühelos vom kieksenden Mädchen in einen herrlich rotzig-dreckigen Rennfahrer-Jargon um.

Gespottet wird in alle Richtungen

Gespottet wird in alle Richtungen: Serien-Inhalte sind hier genauso sinnfrei wie Rennfahrer-Interviews. Auch an Jochen Rindt, der die Formel 1 in die Kommerzialisierung führte, 1970 beim Training tödlich verunglückte und posthum Weltmeister wurde, wird erinnert.

Auch Philosophie und Psychoanalyse kommen zu Wort

Natürlich kommen bei Pollesch auf dem selbstreflektierenden Formel-1-Weg vom Stummfilmstar über die italienische Traumfabrik und französische Fernsehserien bis Hollywood mit dem Slowenen Slavoj Žižek auch Philosophie und Psychoanalyse zu Wort. Und so führt die Zurschaustellungs-Sucht des Schauspielers direkt zu der Frage, ob Sex ohne Zuschauer möglich ist oder ob man sich selbst dabei beobachtet für den maximalen Spaß.

Gedankenschwere Theorie mit einer großen Portion Slapstick

Anders als in früheren Inszenierungen über sein Lieblingsthema Theater garniert René Pollesch die gedankenschwere Theorie diesmal mit einer großen Portion Slapstick. Piraten, Cheerleader und Raufbolde geben bewusst eine Spur zu viel Gas, dass die Kunstzähne bis ins Publikum fliegen. Den Spagat zwischen Show und Schauspiel beherrschen die fünf glänzenden Akteure aufs Vergnüglichste. Nach 75 Minuten entlassen sie ihr Publikum bestens unterhalten in die Nacht.

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