Ausbildung

Mehr als Treckerfahren und Kälbchen streicheln

In Nordrhein-Westfalen kommen etwa 50 Prozent aller Azubis in der Landwirtschaft nicht mehr von einem Bauernhof. Im Kreis Recklinghausen sieht es ähnlich aus. Und der Anteil der weiblichen Auszubildenden steigt stetig an, denn in der Landwirtschaft geht es nicht mehr in erster Linie um körperliche Arbeit.
Auch in der Landwirtschaft kommen die Auszubildenden heute nicht mehr ohne die Arbeit am PC aus. Jan Lukas Rysi gefällt auch dieser Teil des Jobs. © Jörg Gutzeit

Jonas Amann kommt nicht von einem Bauernhof, möchte aber unbedingt Landwirt werden. „Treckerfahren gefällt mir natürlich sehr, aber es macht mir auch Spaß, mit Tieren umzugehen“, sagt der 18-Jährige, der am 1. August auf dem Milchkuhbetrieb Schulte-Althoff in Haltern seine Ausbildung begonnen hat. Ganz ähnlich geht es auch dem zweiten Auszubildenden auf dem Hof. Jan Lukas Rysi ist 19 Jahre alt, hat ebenso wie Jonas sein Abitur in der Tasche, befindet sich jedoch bereits im zweiten Ausbildungsjahr. Auch seine Eltern sind nicht in der Landwirtschaft tätig. Ein Trend, der sich in den letzten Jahren nicht nur im Kreis Recklinghausen, sondern in ganz NRW abgezeichnet hat.

Waren in früheren Zeiten die meisten Auszubildenden auf einem Hof großgeworden oder wollten den elterlichen Betrieb übernehmen, so sind es inzwischen in NRW schon etwa 50 Prozent, die einen anderen familiären Hintergrund haben.

Angst vor großen Kühen

„Die Auszubildenden schätzen es, dass sie draußen, in der Natur arbeiten und mit Tieren zu tun haben“, berichtet Saskia Wietmann von der Pressestelle der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Viele Auszubildende stimmen sich erstmal mit einem Praktikum auf den Beruf ein. „Das ist eine gute Möglichkeit, um festzustellen, ob der Beruf passt. Wir hatten zum Beispiel einen Praktikanten, der sich vor den großen Kühen zu sehr gefürchtet hat. Und manche haben auch eine falsche Vorstellung von der Landwirtschaft. Wir streicheln zwar auch die Kälber, aber das ist mehr eine Freizeitbeschäftigung. Das hat mit der Ausbildung nicht so viel zu tun“, sagt Georg Schulte-Althoff, der schon viele Auszubildende in seinem Betrieb hatte. Jonas und Jan Lukas wohnen sogar während ihrer Ausbildung auf seinem Hof und sitzen mit am Familientisch. „Azubis, die weiter weg wohnen, können wir das anbieten. Da ist man schon ganz schön nah an den jungen Leuten dran. Da spricht man nicht nur über die Arbeit“, so Schulte-Althoff.

Kälbchen zu liebkosen, machen alle Auszubildenden gern. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Vielseitige Ausbildung mit saisonal unterschiedlichen Tätigkeiten

Die Azubis bleiben allerdings nur ein Jahr auf dem Hof von Georg Schulte-Althoff. Danach wird gewechselt, denn die angehenden Landwirte sollen ein möglichst breites Spektrum kennenlernen. „Auf jeden Fall gehört aber dazu, dass ein Betrieb dabei ist, in dem auch Geburten bei Kühen oder Schweinen stattfinden“, berichtet Schulte-Althoff. „Gerade die Vielseitigkeit der Ausbildung reizt viele junge Menschen“, weiß auch Saskia Wietmann zu berichten. „Man hat mit Pflanzen, Maschinen, Menschen und Tieren zu tun und es gibt saisonal unterschiedliche Aufgaben.“ Auf dem Hof Schulte-Althoff wäre jetzt eigentlich die Zeit für die Ernte. Noch macht das Wetter den Landwirten aber einen Strich durch die Rechnung. Ist gerade Erntezeit, dann müssen alle auch mal länger als acht Stunden mit anpacken. Ansonsten werden die Arbeitskräfte in zwei Schichten von jeweils acht Stunden aufgeteilt. Jedes zweite Wochenende haben die Azubis frei.

Jonas Amann kümmert sich um die Grassilage, mit der die Rinder auf Hof Schulte-Althoff gefüttert werden. Den Milchkühen wird allerdings hochwertigeres Futter angeboten. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Es geht nicht mehr nur um körperliche Kraft

„Insgesamt hat sich die Arbeit sehr verändert. Es geht nicht mehr nur um körperliche Kraft. Denn durch den Einsatz von Maschinen muss wesentlich weniger in Handarbeit geleistet werden als früher. Das können auch die weiblichen Auszubildenden gut schaffen“, sagt Georg Schulte-Althoff. Hinzu kommt, dass natürlich auch die Landwirtschaft nicht ohne Management auskommen kann. Eine Ausbildung ohne Computer ist auch auf einem landwirtschaftlichen Betrieb inzwischen undenkbar. Derzeit gibt es etwa 20 Prozent weibliche Auszubildende in der Landwirtschaft. Insgesamt sind es im Kreis Recklinghausen jährlich knapp 40 Menschen, die sich zum Landwirt beziehungsweise zur Landwirtin ausbilden lassen. „Die Zahlen sind da recht stabil, nur im Corona-Jahr 2020 gab es etwas weniger Auszubildende“, berichtet Saskia Wietmann.

Und was haben Jonas und Jan Lukas nach ihrer Ausbildung vor? „Ich möchte Agrarwissenschaft studieren. Was danach kommt, weiß ich aber noch nicht so genau“, erzählt Jonas. Und auch Jan Lukas strebt ein Studium an. Anschließend kann er sich vorstellen, als Berater für landwirtschaftliche Betriebe zu arbeiten. Und wie wäre es, einmal selbst einen Hof zu übernehmen? „Warum nicht? Vielleicht habe ich ja mal eine Freundin, die einen Hof hat“, sagt der 19-Jährige und lächelt verschmitzt.

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