Wechselunterricht in den Schulen

Kreis Recklinghausen: Täglicher Tausch „gegen den Schlendrian“

Die weiterführenden Schulen im Kreis Recklinghausen können zwischen tage- und wochenweisem Wechsel beim Präsenzunterricht wählen. Dabei spielt auch der Zeitaufwand für das Testen eine Rolle.
Lernen in Corona-Zeiten: Zurzeit gibt es in Schulen im Kreis Recklinghausen einen Wechsel zwischen Präsenzunterricht und Distanzlernen. © dpa

Seit Anfang der Woche gibt es wieder Wechselunterricht an den Schulen: Der eine Teil der Schüler lernt in der Klasse, der andere zu Hause. Während an Grund- und Förderschulen im Zusammenhang mit den „Lolli-Tests“ ein täglicher Wechsel stattfindet, können die weiterführenden Schulen tage- oder wochenweise wechseln. Und hier gehen die Meinungen und Regelungen an den weiterführenden Schulen im Kreis Recklinghausen auseinander – dabei spielen nicht nur pädagogische, sondern auch organisatorische und zeitliche Gründe eine Rolle.

„Wir erreichen viele Schüler nicht mehr“

„Der wochenweise Wechsel bringt nicht so viel“, sagt Hermann Kuhl, Leiter der Hertener Martin-Luther-Sekundarschule – hier tauschen die Kinder täglich mit dem Präsenzunterricht und Distanzlernen. Hermann Kuhl begründet das Modell mit der derzeitigen Situation: „Wir erreichen viele Schüler nicht mehr, der Schlendrian ist teilweise groß, die damit einhergehenden Leistungen sind besorgniserregend. Deshalb müssen wir die Schüler jetzt in möglichst kurzen Abständen sehen, spätestes jeden zweiten Tag. So haben wir die Möglichkeit, ihren Tagesrhythmus wieder zu verbessern, die Anbindung an Klasse und Lehrer wird intensiver und es gibt wenige Brüche im Sinne von Unterrichts-Unterbrechungen.“

Auch Dorothee Schlüter glaubt, dass der tageweise Wechsel eine bessere Regelmäßigkeit für die Schüler bringt – auch mit Blick auf deren Tagesablauf. „Und wenn die Schulen aufgrund steigender Inzidenz-Zahlen wieder schließen müssten, hätten alle Schüler fast gleichviel Präsenzunterricht erhalten – das ist so gerechter verteilt“, sagt die Leiterin des Albert-Schweitzer-Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Marl.

„Der zeitliche Aufwand durch die Tests ist hoch“

Als Argument für den wochenweisen Wechsel nennen Schulleitungen die Corona-Tests, die durchgeführt werden müssen. „Laut Erlass des Schulministeriums wird jeder Schüler, der zur Schule kommt, zweimal in der Woche getestet. Bei unserem wochenweisen Wechsel testen wir also montags und donnerstags vor dem Unterrichtsbeginn. Beim täglichen Schülerwechsel müssten wir die eine Schülergruppe montags und mittwochs, die andere dienstags und donnerstags testen. Das hieße, dass uns fast jeden Tag Unterrichtszeit durch das Testen verloren ginge“, erläutert Simon Schröder, stellvertretender Leiter des Recklinghäuser Hittorf-Gymnasiums. „Der zeitliche Aufwand durch die Tests ist hoch, dadurch geht jedes Mal etwa eine Stunde Unterrichtszeit für die Schüler verloren“, bestätigt Regina Brautmeier. Deshalb hat die Schulleiterin am Dattelner Comenius-Gymnasium den wochenweisen Tausch eingeführt. „Die gewonnene Unterrichtszeit ist hier entscheidend, obwohl ich die tageweise Lösung pädagogisch für besser halte. Denn bei kürzeren Abständen bekommen die Kinder, die durchs Raster zu fallen drohen, die Probleme mit Selbstdisziplin und fehlender Begleitung haben, durch uns eine klarere Struktur.“

Wunsch: Tests in den Familien durchführen

Christian Huhn sieht das ähnlich: „Technik besiegt Pädagogik“, kommentiert der Leiter des Willy-Brandt-Gymnasiums in Oer-Erkenschwick die Entwicklung an seiner Schule. Hier gab es zunächst den tageweisen Wechsel, jetzt ist man auf den wöchentlichen umgestiegen. „Beim Tages-Wechsel kommt weniger Feriengefühl auf, nach einer Woche ist es schwieriger, die Kinder wieder ,anzuschieben‘. Aber Corona-Tests bei täglichem Schüler-Wechsel sind einfach zu aufwändig, kosten richtig Unterrichtszeit“, sagt Christian Huhn. Sein Wunsch wäre die Tages-Lösung mit Tests, die zu Hause durchgeführt werden: „Wir hätten uns gewünscht, dass das Testen in die Hände der Eltern und Schüler gelegt wird, dann würden wir sehr gerne täglich wechseln. Aber dieses Vertrauen in die Familien gab es offenbar bei der Landesregierung nicht.“

Übrigens würde ein tageweiser Wechsel nicht nur mehr Tests, sondern auch eine engmaschigere Corona-Kontrolle bedeuten. „Die Tests sind ein wichtiger Baustein, bedeuten aber keine hundertprozentige Sicherheit. Für uns ist der Montag-Test der Wichtigste – nach der Freiwoche der Schüler“, sagt dazu Simon Schröder. Und Michael Rembiak vom Recklinghäuser Gymnasium Petrinum erinnert daran, dass es bislang noch keinen positiv bestätigten Test an seiner Schule gegeben habe. Auch hier wird das Wochen-Modell praktiziert, schon aus organisatorischen Gründen. „Hinter der Oberstufen-Kooperation unserer vier innerstädtischen Gymnasien steht eine Wochen-Stundenplanung“, erläutert Michael Rembiak. Als weiteren Vorteil der Wochen-Regelung sieht er, dass der Stundenumfang in den einzelnen Fächern für die Schüler gleichmäßiger verteilt ist. Inhaltlich sei die Wahl eine „Geschmackssache“: „Beim tageweisen Wechsel sieht man die Schüler in kürzeren Abständen, beim Wochen-Rhythmus kann man kontinuierlicher am Stück vor Ort arbeiten.“ Anfreunden kann sich der Schulleiter mit beiden Lösungen nicht, da die Schüler nicht täglich in der Schule sind: „Insofern ist beides murksig.“

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