Gegen Gewalt und Beleidigungen

„Ich fahre dich im Bus nach Hause. Und du verprügelst mich?“

Eine Plakat-Ausstellung im Recklinghäuser Impfzentrum wirbt um mehr Respekt vor Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes. Sie ist Teil der DGB-Initiative: „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch.“
Ausstellungseröffnung im Impfzentrum mit: (v.l.) Justin Zühlsdorf (GdP-Kreisgruppe Recklinghausen), Landrat Bodo Klimpel, Jennifer Degner (Jugendbildungsreferentin DGB-Region Emscher-Lippe), Norbert Sperling (Vorsitzender des DGB-Kreisverbandes Recklinghausen) und Hans Hampel (Organisationssekretär der DGB-Region Emscher-Lippe). © Markus Geling

„Ich lösche ein brennendes Haus. Und du bewirfst mich mit Böllern?“ – „Ich versorge deine Wunden. Und du spuckst mich an?“ – „Ich fahre dich im Bus nach Hause. Und du verprügelst mich?“ Diese Fassungslosigkeit zum Ausdruck bringenden Fragen prangen auf großformatigen Porträts eines Feuerwehrmannes, einer Krankenschwester, eines Busfahrers. Es sind drei von insgesamt sieben Plakaten, die ab sofort im Impfzentrum in Recklinghausen zu sehen sind.

Die Ausstellung ist Bestandteil der bundesweiten DGB-Initiative „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“. Deren Botschaft: Gewalt gegen Beschäftigte des öffentlichen Dienstes und des privatisierten Dienstleistungssektors, gegen Polizisten, Verwaltungsangestellte oder Zugbegleiter, muss ein Ende haben.

Der ausgestreckte Mittelfinger

Wobei es bei der Kampagne nicht nur um körperliche Übergriffe geht, wie Hans Hampel von der DGB-Region Emscher-Lippe betont: „Sie setzt viel früher an.“ Etwa bei verbalen Beleidigungen – oder dem ausgestreckten Mittelfinger.

„Wir stellen fest, dass sich in der Gesellschaft etwas verändert“, sagt der Vorsitzende des DGB-Kreisverbandes Recklinghausen, Norbert Sperling, bei der Ausstellungs-Eröffnung: Der tägliche Umgang miteinander sei ein anderer geworden, die Menschen reagierten – möglicherweise auch als Folge der Corona-Pandemie – gereizter. Gerade auch auf Maßnahmen des Staates. „Eine kritische Haltung ist ja gut, aber es muss immer alles gewaltfrei und mit Respekt voreinander ablaufen“, betont er.

„Es geht hier um Menschen, die etwas für die Gesellschaft tun – und nicht etwas gegen den Einzelnen“, sagt Hampel. Und dass gerade sie zunehmend Aggressionen und Übergriffen ausgesetzt seien: Dafür wolle die Ausstellung sensibilisieren.

Der Rettungssanitäter, der „scheiße parkt“

„Es kann nicht sein, dass Einsatzkräfte beleidigt oder gar angegriffen werden. Das ist ein absolutes ‚No-Go‘. Dafür kann es keinen Grund geben“, sagt Bodo Klimpel. Genauso wenig wie die Kassiererin im Supermarkt oder der Hausmeister in der Schule angegangen werden dürften. Allerdings sei es traurig, dass man das überhaupt so deutlich machen müsse: „Wir müssen als Gesellschaft wieder den Respekt voreinander erlernen“, sagt der Landrat, der selbst schon mit Morddrohungen konfrontiert wurde.

Justin Zühlsdorf von der Gewerkschaft der Polizei im Kreis Recklinghausen berichtet von einem Rettungssanitäter, dem bei einer Reanimation zugerufen wird: „Du parkst hier scheiße!“ Zühlsdorf: „Ich, ich, ich: Nur darum geht es noch. Das ist eine traurige Entwicklung.“

Der Frust entlädt sich bei den Repräsentanten

Seiner Einschätzung nach hat es in den 80er-Jahren begonnen, dass sich einige Menschen abgehängt fühlen, nicht mehr als Teil der Gesellschaft sehen. „Sie sprechen von denen da oben, können mit dem Staat nichts anfangen – und ihr Frust entlädt sich bei dessen Repräsentanten.“ Beispielsweise bei der Mitarbeiterin des Ordnungsamtes, die die Maskenpflicht kontrolliert.

Der DGB kritisiert im Info-Flyer zu seiner Initiative auch den seiner Auffassung nach zu schmalen Staat, wirbt um Investitionen in Infrastruktur und Daseinsvorsorge. Zudem müssten Übergriffe systematischer erfasst werden, um an verlässliche Zahlen zu kommen. Die Ausstellung im Impfzentrum soll aber vor allem auch dazu aufrufen, eine Haltung zu haben, bei Beleidigungen und Schlimmerem Zivilcourage zu zeigen – und die eigene Kommunikation zu hinterfragen. „Die Meinungen von anderen werden nicht mehr respektiert und wertgeschätzt. Es wird nicht mehr zugehört, es geht nur noch gegeneinander. Gerade in den sozialen Medien“, sagt Sperling. Und betont: „Wir dürfen uns als Gesellschaft nicht spalten lassen.“

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