Vor 130 Jahren

Großbrand löste Bau der Trinkwasser-Versorgung in Recklinghausen aus

Die Wasserversorgung im Vest hängt eng mit dem „Durst“ der Zechen zusammen. Auslöser war aber eine Feuersbrunst auf der Palmkirmes, die 1890 die halbe Recklinghäuser Altstadt zerstörte.
Die alten Wassertürme zwischen Recklinghausen und Herten müssen in nächster Zeit ersetzt werden. © Gelsenwasser

Es war schlicht eine Katastrophe, die sich im Jahre 1890 während der Palmkirmes in Recklinghausen ereignete. Weil nicht genügend Löschwasser vorhanden war und die Häuser damals mit Stroh gedeckt waren, breitete sich eine Feuersbrunst so schnell aus, dass die halbe Altstadt niederbrannte. Am 5. Mai 1891 – also heute vor 130 Jahren – zogen die Stadtoberen die Lehre aus dem Unglück und schlossen einen Wasserversorgungsvertrag mit dem „Wasserwerk für das nördliche westfälische Kohlenrevier“, die heutige Gelsenwasser AG. Bereits im ersten Jahr wurden 42 Kilometer Leitungen gelegt, und ein Jahr später bildete die Feuerwehr eine „Hydrantenmannschaft“. „Interessant ist“, betont Gelsenwasser-Sprecher André Ziegert, „dass nicht die Vorsorgung der Privathaushalte den Ausschlag für den Aufbau der Trinkwasserversorgung gab, sondern der Feuerlöschbedarf.“ Sie wurde allerdings in dem Vertrag mit geregelt. Gesonderte Veträge gab es für die Industriewasserversorgung. Immerhin war die Zahl der fördernden Zechen rund um Recklinghausen damals zweistellig.

Recklinghausen kaufte als erste Stadt Gelsenwasser-Aktien

Und woher kam das Wasser? Aus der Ruhr. 1886 war das Wasserwerk Witten vom „Ruhrbaron“ Friedrich Grillo zur Versorgung der Zeche Erin und der Castroper Bürger errichtet worden. Dieses lieferte zunächst auch nach Recklinghausen, wo auf dem Quellberg 1904 auf 115 Meter Höhe der erste Wasserturm entstand. Mit einem Volumen von 4000 Kubikmetern diente er zur Spitzenabdeckung und zur Absicherung der Versorgung. 1908 folgte der Bau des noch heute in Betrieb befindlichen Wasserbehälters an der Westerholter Straße, der 1935 um ein zweites Bauwerk ergänzt wurde.

Früher waren die Städte sehr eng bebaut und die Fachwerkhäuser hatten Strohdächer. Offene Feuer führten nicht selten zu Stadtbränden. So wurden bei Bränden 1247, 1469, 1500, 1522, 1606, 1646 und 1686 große Teile der Stadt Recklinghausen zerstört. Im Brandfall wurden Löschketten gebildet, das Löschwasser musste vom Brunnen eimerweise von Hand zu Hand weitergereicht werden.

Auch betriebswirtschaftlich einigte sich der Magistrat der Stadt Recklinghausen mit den industriellen Eigentümern von Gelsenwasser, nachdem man anfangs noch mit einem eigenen Wasserwerk geliebäugelt hatte. Im Jahr 1906 erhielten die Kommunalpartner Mitspracherecht durch den Erwerb von Aktien, von denen Recklinghausen als erste Stadt Anteilscheine im Nominalwert von 1,12 Millionen Reichsmark kaufte.

Ab 1927 wurde der Halterner Stausee gebaut

In den ersten Jahren stieg die Gesamtwasserabgabe sprunghaft an: von 40 Millionen Kubikmeter im Jahr 1905 auf 120 Mio. im Jahr 1920. 80 Prozent der Wassermengen gingen an die Zechen. Versorgt wurden rund 120 Schachtanlagen und 150 Städte und Landgemeinden vom Ruhrgebiet bis ins nördliche Münsterland. Die rasant wachsende Bevölkerung und die Nordwanderung des Bergbaus erforderte bald den Bau eines Wasserwerks im vestischen Raum. Als idealer Standort wurde das Mündungsgebiet der Stever in die Lippe in Haltern gefunden. Dort baute Gelsenwasser von 1927 bis 1930 eine Talsperre, den Halterner Stausee.

US-Ingenieurtruppen halfen nach dem Zweiten Weltkrieg

Ab 1938 war Improvisation gefragt, da aus politischen Gründen die Verwendung von Blei verboten wurde, ein Werkstoff, der als Dichtungsmittel für Muffenverbindungen und für Hausanschlüsse verwendet wurde. Zum Kriegsende kam die Wasserversorgung im Vest zum Erliegen, da die deutschen Truppen auf dem Rückzug alle Lippebrücken zerstört hatten. Doch schon Ende 1945 war das Versorgungssystem mithilfe amerikanischer Ingenieurtruppen weitgehend wiederhergestellt.

Absatzrekord 1959, dann kam das Zechensterben

In den Wirtschaftswunderjahren zog die Betriebsverwaltung an ihren heutigen Standort an der Herner Straße und die Montanindustrie sorgte 1959 für neue Absatzrekorde. Doch mit dem Zechensterben ab Mitte der 1960er-Jahre war die Herrlichkeit vorbei – Gelsenwasser musste sich vom reinen Wasserversorger zum Energiedienstleister wandeln. Dennoch sorgen auch heute noch 90 Mitarbeiter am Standort Recklinghausen für die Instandhaltung des Hunderte Kilometer langen Rohrnetzes. Zuständig sind sie auch für die Städte Herten, Haltern, Marl, Oer-Erkenschwick, Datteln und Waltrop. Hinzu kommen mehr als 50 Mitarbeiter im Kundenservice.

Dürreperioden sorgen für neue Nachhaltigkeitsstrategie

Und welche Aufgaben muss Gelsenwasser heute stemmen? „An die Verfügbarkeit von Trinkwasser in ausreichender Menge und guter Qualität haben wir uns gewöhnt“, sagt André Ziegert. „Doch allzu sorglos sollten wir nicht werden“, meint er und erinnert an die jüngsten Dürreperioden im Sommer. „Dass die Halterner Stauseen 2019 nur noch zu 55 Prozent gefüllt war, hat uns nachdenklich werden lassen. Wir müssen unsere Strategie dem Klima anpassen und unsere Wasserversorgung nachhaltig sichern.“

Alte Wassertürme haben ausgedient, Ersatz muss her

Auch aus diesem Grund plant Gelsenwasser in den nächsten fünf Jahren Ersatzbauten für die alten Wassertürme zwischen Recklinghausen und Herten, die technisch veraltet sind. „Mit dem neuen Behälter wollen wir die Versorgung für die nächsten Jahrzehnte zukunftsfähig machen. Nach einem exponierten Ort suchen unsere Experten bereits.“

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