Ruhrfestspiele

Diese Medea ist eine Wucht

Das Berliner Ensemble beschert den Ruhrfestspielen einen Theater-Hochgenuss. Und das zum Abschluss eines trotz Corona glanzvollen Festivals.
Eine Szene aus "Medea". © Birgit Hupfeld

Das quälende Schicksal und die ungeheuerliche Geschichte, die uns gleich den Atem rauben werden, kündigen sich direkt im ersten Bild an: Scheppernd stampft die Amme (Josefin Platt) als Botin des Unheils über die dunkle Bühne; gebeugt von der schrecklichen Last der Tragödie stimmt sie zum Klageseufzer über den Liebesverrat an ihre Herrin an.

Diese Inszenierung ist ein Hochgenuss!

Die archaische Wucht, mit der Regisseur Michael Thalheimer, der Meister der Bühnenreduktion, Olaf Altmann, und das brillante Berliner Ensemble Euripides‘ „Medea“ erzählen, lässt das Ruhrfestspiel-Publikum 110 verstörende Minuten erleben. Dass Olaf Kröck diese Inszenierung zum Ende des Festivals nach Recklinghausen geholt hat, ist ein Geschenk. Ein Hochgenuss!

Obwohl Constanze Becker anfangs tränennass und blutverschmiert im weißen Kleid ganz klein hoch oben im schwarzen Bühnenschlund kauert und unendlich fern scheint, ist die Präsenz dieser finsteren Frau, dieser leidenschaftlich Liebenden in ihrer tiefen Verzweiflung und Verletzlichkeit enorm. Mit radikaler Härte, vor Wut und Schmerz schreiend, fädelt Medea ihren Rachefeldzug klug ein und überragt ihre Umgebung auch mit ihrer entschiedenen Konsequenz.

Der Verräter windet sich mit einem stummen Schrei wie ein Wurm

Die Regie meißelt das Leiden der Figuren so klar in die Körper, dass der Weg der Seelenskulpturen in die Schockstarre in seiner gewaltigen Monstrosität aufgeblättert wird: Unter Medeas Schmeicheln und Flehen wird der Kreon von Martin Rentzsch zitternd zum hilflosen Männchen, gibt ihr einen Tag Aufschub für die Verbannung – und Zeit für grausamste Morde. Auch Michael Benthin ist als Aigeus ein schmieriger Schwächling, der nur Asyl gewährt, weil er Kinder erhofft. Selbst Bettina Hoppe blickt als mitfühlender Chor der Korinthischen Frauen schaudernd zu diesem unbegreiflichen Schreckensengel empor. Und der Jason von Marc Oliver Schulze, anfangs im piekfeinen Samtanzug der energische, arrogante, nur den eigenen Vorteil suchende Verräter, windet sich im Schlussbild mit einem stummen Schrei wie ein Wurm.

Es galt die eigene Würde zu verteidigen

Medeas Traum von einer glücklichen Familie, filmisch von Piktogrammen visualisiert, geht im ohrenbetäubenden Wummern der Musik von Bert Wrede endgültig unter. Mit dem finalen Doppelmord an ihren Kindern bestraft sie ihren untreuen Ehemann und sich selbst. Es galt die eigene Würde zu verteidigen. Um jeden Preis. Am Ende ist sie ganz nah an die Rampe gefahren – und wirkt plötzlich ganz fremd, wenn sie im schwarzen Kleid als eiskalte Rachegöttin stolz in die grausame Freiheit schreitet.

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