Modellprojekt

„Der Frust bei der Impfterminvergabe in den Praxen ist hausgemacht“

Die Impf-Reihenfolge wird ab 7. Juni aufgehoben. Schon jetzt ist der Ansturm auf die Hausärzte groß. Höchste Zeit für ein Online-Portal zur Terminvergabe, sagt Dr. Matthias Andersen vom Ärztenetz Vestnet.
© Foto: Christine Horn

„Aggressive Stimmung in den Praxen“ titelte unsere Zeitung am vergangenen Mittwoch: Patienten schreien das Personal an, um vor dem geplanten Urlaub noch eine Impfung zu erzwingen. Die Telefone sind dauerbesetzt aufgrund zahlreicher Anfragen – und die Arzthelferinnen gehen am Stock, weil sie den bürokratischen Aufwand kaum bewältigen können. „In den 21 Praxen des Ärztenetzwerks Vestnet in Datteln und Waltrop gehören solche Szenarien der Vergangenheit an“, sagt der Vorsitzende Dr. Matthias Andersen. Sie bieten jetzt seit einer Woche ein Online-Portal zur Impfterminvergabe an. „Was früher eine halbe Stunde Arbeit gekostet hat, schaffen wir jetzt in knapp zwei Minuten“, erklärt er am Freitag auf Anfrage unserer Zeitung.

Die ersten 600 Termine werden heute vergeben

Eine erste Zwischenbilanz ist positiv: „Wir haben bereits rund 3500 Anmeldungen aus Datteln und Waltrop bekommen. Die ersten 600 Termine werden heute vergeben, die Patienten erhalten dann eine SMS von ihrer Praxis“, kündigt Dr. Andersen an. Leider, so betont er, sei der Impfstoff noch immer knapp. In der kommenden Woche betrifft dies vor allem das Vakzin von Biontech, weil da zahlreiche Zweitimpfungen anstehen – und die hätten Vorrang. Im Juni soll es besser werden. Allerdings können die Patienten auch Astrazeneca oder Johnson & Johnson auswählen, die ja für bestimmte Altersgruppen freigegeben sind.

Dr. Andersen versteht nicht, warum die Kollegen noch zögern

Allerdings kann Dr. Andersen überhaupt nicht verstehen, warum andere Arztnetze in der Region – etwa in Recklinghausen, Herten oder Gladbeck – bislang gar nicht auf das Modellprojekt angesprungen sind. Noch werden hier offenbar eigene Patientenlisten abgearbeitet. „Doch was passiert mit den vielen, meist jüngeren Menschen, die seit Jahren nicht beim Arzt waren?“ fragt er. Der Mediziner befürchtet, dass am 7. Juni, wenn die Impf-Reihenfolge aufgehoben wird und auf einen Schlag 20 bis 30 Millionen Bundesbürger impfberechtigt sind, in den Haus- und Facharztpraxen das „nackte Chaos“ ausbrechen wird.

„Noch ist es nicht zu spät“, appelliert der Facharzt, der das Portal zusammen mit dem Waltroper IT-Unternehmen DuoSystems entwickelt hat, an seine Kollegen. „Die Teilnahme ist in kurzer Zeit organisierbar.“ Da das Portal nach Postleitzahl-Bezirken vorgeht, sei es allerdings wichtig, dass sich die Praxen lokal gemeinsam organisieren. Und die Kosten? „Die sind minimal“, versichert er. „Es wäre schön, wenn wir die Entwicklung refinanzieren könnten.“

Der Impftermin kommt per SMS

Was hat der Bürger zu tun? „Voraussetzung ist ein SMS-fähiges Handy“, erklärt Dr. Andersen. Auf der Webseite www.impfportal-corona.de muss man sich dann anmelden – ähnlich wie beim Online-Banking. Dort können die Patienten auch angeben, an welchen Terminen sie Zeit haben und welchen Impfstoff sie wählen. Sobald der Termin feststeht, kommt die SMS aus der Impfpraxis zurück. Ebenso können sich in Kürze auch 16- bis 18-Jährige anmelden, denn auch sie gelten in Deutschland als „impfmündig“. Allerdings sei für diese Altersgruppe nur Impfstoff von Biontech zugelassen, was die Wartezeit verlängert. „Es ist bedauerlich, dass bislang nur die Dattelner und Waltroper diesen Impfservice nutzen können…“, betont Dr. Andersen.

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