Ökumenischer Kirchentag

„Da fehlt die Atmosphäre“

Digital statt vor Ort: Der Kirchentag wird von vielen Christen im Kreis Recklinghausen skeptisch betrachtet - ohne direktes Erleben. Aber die dezentrale Form hat auch Vorteile.
Blick zurück: Beim 2. Ökumenischer Kirchentag 2010 in München nahmen Tausende Gläubige dichtgedrängt am Abschlussgottesdienst teil. © dpa (Archiv)

Armin Pohlmann bezeichnet sich selbst als „Kirchentags-Fan“: „Ich war bestimmt schon auf einem Dutzend Kirchentage. Das ist jedes Mal etwas ganz Besonderes: Das Gemeinschaftserlebnis, die vielen inhaltlichen Anregungen, Begegnungen mit anderen Menschen“, schwärmt der Recklinghäuser. Doch an dem wegen Corona dezentralen und digitalen ökumenischen Kirchentag in Frankfurt kommende Woche hat der 56-Jährige nur wenig Interesse: „Da bin ich weitgehend raus. Zu dieser Kirchentags-Form habe ich keinen Bezug – da fehlt der direkte menschliche Austausch, die Atmosphäre.“

Mit dieser Einschätzung ist Armin Pohlmann nicht allein: „Ein Kirchentag lebt vom Erleben – da ist digital vieles nicht machbar. Viele in den Gemeinden haben den Kirchentag abgeschrieben“, meint Christian Stöppelmann, Kirchentagsbeauftragter im Evangelischen Kirchenkreis Recklinghausen.

„Man lebt als Christ in dieser Welt nicht allein“

Kerstin Schütz bestätigt das: „Der Reiz eines Kirchentags besteht darin, als Gruppe dort hinzufahren, die Tage gemeinsam zu verbringen – Gespräche zu führen, Menschen zu begegnen, Konzerte zu hören, zu feiern. In der digitalen und dezentralen Art ist das kaum möglich. So ist der Kirchentag bei uns in der Gemeinde – auch bei den interessierten Jugendlichen – im Gegensatz zu sonst gar kein Thema“, berichtet die Pfarrerin der Johanneskirche in der Evangelischen Kirchengemeinde Recklinghausen-Ost.

Und Kerstin Schütz ergänzt: „Ein Kirchentag lebt auch davon, dass sehr viele Menschen an einem Ort sind. Das ist eine Art Vergewisserung, dass man als Christ in dieser Welt nicht allein lebt. Auch das ist bei digitalen Angeboten ganz anders.“

„Sich gemeinsam über wichtige Themen Gedanken machen“

„Natürlich geht neben den persönlichen Begegnungen, dem gemeinsamen Debattieren und Feiern durch die digitale Form auch das Gemeinschaftsgefühl als Christen in der Gesellschaft verloren“, bestätigt Hanno Rother. „Dennoch ist es gut, sich beim Kirchentag zusammenzufinden, sich gemeinsam über wichtige Themen Gedanken zu machen – wenn auch digital“, sagt der Pfarrer der katholischen Liebfrauen-Pfarrei in Recklinghausen. Hanno Rother betont: „Es ist wichtig, die ökumenische Kirche zu denken und zu reflektieren. Und es wäre schade, wenn wir als katholische und evangelische Christen die Chance verpassen, so ein Glaubensfest wie den ökumenischen Kirchentag zu feiern. Hier geht es um die ökumenische Verbundenheit – darum, was wir gemeinsam als Christen für Glauben und Gesellschaft leisten.“ Und Hanno Rother nennt noch zwei pragmatische Gründe, am digitalen Frankfurter Kirchentag mitzumachen: keine aufwendige Anreise und keine Teilnahmegebühren.

Stichwort

Der ökumenische Kirchentag Frankfurt

Unter dem Leitwort „Schaut hin“ findet vom 13. bis 16. Mai der dritte ökumenische Kirchentag der evangelischen und katholischen Kirche statt – allerdings wegen Corona dezentral und digital sowie mit abgespecktem Programm. Statt 2000 bis 2500 Veranstaltungen gibt es nur 80 Termine – man kann kostenlos und ohne Anmeldung unter www.oekt.de teilnehmen.

Es haben sich prominente Teilnehmer angesagt – von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Grünen-Chefin Annalena Baerbock bis zu dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, und TV-Moderator Eckart von Hirschhausen. Infos und Programm: www.oekt.de

Der 38-Jährige ist bereits seit vielen Jahren als Helfer und betreuender Seelsorger bei Katholikentagen dabei und nimmt auch jetzt aktiv am ökumenischen Kirchentag teil: Unter anderem ist Hanno Rother – als einziger aus dem Kreis Recklinghausen – Mitglied des bundesweiten Planungsgremiums, er bietet gemeinsam mit einer evangelischen Pfarrerin am 14. Mai um 17.45 Uhr im Kirchentagsprogramm einen Gottesdienst als Videokonferenz an. Dabei werden Sequenzen eingespielt, die er bereits im Vorfeld in Frankfurt aufgenommen hat – also am ursprünglich geplanten Ort des Kirchentags. So entsteht vielleicht ein wenig Live-Gefühl . . .

Und Kerstin Schütz wagt bereits einen positiven Ausblick auf den Kirchentag 2023 in Nürnberg – hoffentlich ohne Corona-Bedingungen: „Ich denke, bis dahin geht der eigentliche Reiz des Kirchentages nicht verloren.“

Christen aus dem Kreis RE berichten

Der evangelische Kirchenkreis Recklinghausen und das katholische Kreisdekanat Recklinghausen führen zwei Aktionen im Zusammenhang mit dem Kirchentag durch:

Am Mittwoch, 12. Mai, wird vormittags am Recklinghäuser Rathaus auf den Kirchentag hingewiesen: Ein Stelzenläufer verteilt Flyer, Bläser spielen um circa 12 Uhr zwei Lieder, Superintendentin Saskia Karpenstein und Kreisdechant Jürgen Quante sind ebenfalls vor Ort.

Am Freitag, 14. Mai, kommen ab circa 18 Uhr in einer Videoaufzeichnung Christinnen und Christen aus dem Vest zu Wort, die berichten, wie und warum sie sich engagieren, welche Bedeutung das Christsein für ihr Handeln und Leben hat. Ausgestrahlt wird die Veranstaltung auf den YouTube-Kanälen des evangelischen Kirchenkreises und der Recklinghäuser Pfarrei St. Peter.

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