Wiedereröffnung nach der Corona-Pause

Auszeit von der Pflege

Die Alzheimer Gesellschaft Vest Recklinghausen öffnet wieder ihr AB-Café: Für Menschen mit Demenz – und gerade auch für deren Angehörige. Damit die in ihrem „24-Stunden-Job“ mal durchatmen können.
Brigitte Bozdech (l.) und Gabriele Stiller freuen sich auf neue Gäste im AB-Cafe der Alzheimer Gesellschaft Vest Recklinghausen. © Meike Holz

Leichte Veränderungen hatte Elisabeth bei ihrem Partner schon vorher festgestellt. 2018 folgte die Diagnose: Er leidet an der Alzheimer-Krankheit. „Diese Erkenntnis hat mich anfangs überrollt“, sagt die 68-Jährige rückblickend. Doch dann sortierte sie sich, recherchierte, wo sie Hilfe bekommen könnte – und stieß dabei unter anderem auf das AB-Café der Alzheimer Gesellschaft Vest Recklinghausen.

„Dort mit anderen Angehörigen sprechen zu können, war zunächst mal sehr informativ“, sagt Elisabeth, die eigentlich anders heißt. Teilweise sei dieser Austausch auch beklemmend gewesen – weil ihr vor Augen geführt wurde, was möglicherweise noch alles auf sie zukommt. Vor allem fand sie die Treffen im AB-Café aber „enorm ermutigend“. Denn: „Ich habe dort Angehörige kennengelernt, meistens Frauen, die eine unglaubliche Kraft ausstrahlen. Wie einige von ihnen damit klar kommen, jemanden zu Hause zu betreuen, der Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium hat – das ist sehr beeindruckend.“

Seit rund 20 Jahren gibt es das AB-Café. Das „A“ steht für die Angehörigen, das „B“ für die Betroffenen. Das Café ist ein Treffpunkt für beide Gruppen. Die Altentherapeutin Gabriele Stiller kümmert sich dort zusammen mit geschulten Ehrenamtlichen um die Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Es wird gebastelt, gesungen und gespielt – und so dafür gesorgt, „dass die Angehörigen mal eine dringend benötigte Auszeit von der Pflege bekommen“, so Stiller.

Angehörige dürfen sich auch mal überfordert fühlen

Brigitte Bozdech organisiert diese Auszeit. Und findet es wichtig, den Angehörigen dabei auch zu vermitteln, dass es ihr gutes Recht ist, sich in ihrem „24-Stunden-Job“ phasenweise überfordert zu fühlen. Nicht ununterbrochen gute Laune zu haben. Oder mal einen Tag für sich selbst zu benötigen. „Viele Angehörige wollen alles alleine bewältigen. Sogar dann, wenn sie selbst schon 80 Jahre oder älter sind“, sagt die Fachkraft für Gerontopsychiatrie. „Aber das geht nicht.“

Elisabeth kennt dieses Gefühl, sieht ihre Rolle aber inzwischen differenzierter: „Es ist sehr wichtig, dass ich bei Kräften bleibe. Deshalb muss ich auch auf mich achten, Grenzen ziehen“, sagt die 68-Jährige. „Denn wenn ich mehr gebe, als ich kann, werde ich selbst krank. Und davon hat keiner etwas.“ Das müsse man sich bewusst machen – „und das kann ich.“

Am 15. September soll das AB-Café nach anderthalbjähriger Corona-Pause erstmals wieder öffnen – von 15 bis 17 Uhr in den Räumlichkeiten der Evangelisch-Methodistischen Kirche in Recklinghausen. Elisabeth wird kommen. Darüber hinaus sind die Organisatoren auf neue Besucher angewiesen. „Vor Corona war das Café eine feste Einrichtung. Aber anderthalb Jahre sind eine lange Zeit. Da ist einiges weggebrochen. Auch weil sich bei einigen das Krankheitsbild verändert hat“, sagt Bozdech.

Elisabeth spricht von einem „vertrauten Fremden“

Im AB-Café soll beispielsweise darüber gesprochen werden, wo Angehörige weitere Hilfe finden können, welche Unterstützungsangebote es sonst noch gibt. Tagespflegeeinrichtungen, Betreuungsgruppen oder Demenz-WGs können hier Themen sein, erläutert Bozdech. Oder das Pflegegeld. Aber es gehe auch um praktische Alltagsfragen: Wie reagiere ich auf Verhaltensweisen, die ich vom Erkrankten früher nicht kannte? Wie ist Kommunikation weiter möglich? Oder: Wie bleibe ich ruhig und gelassen? „Der Angehörige ist ja emotional involviert. Für ihn ist es eine ganz andere Situation als für jemanden, der sich beruflich um einen Menschen mit Demenz kümmert“, sagt Bozdech.

Für Elisabeth ist es schwierig, dass sie von ihrem erkrankten Partner keine Unterstützung mehr erwarten kann, alles alleine entscheiden muss. Früher sei er ein gebildeter, höchst eloquenter Kopfmensch gewesen. Vergangenheit. Wenn sie darüber nachdenkt, macht sie das traurig. „Vertrauter Fremder“: Diesen Begriff habe sie kürzlich in einem völlig anderen Zusammenhang gelesen. Aber er beschreibe ihre Situation sehr treffend.

Und trotzdem: Elisabeth wirkt nicht deprimiert. Sie hat Lust auf die neue AB-Café-Gesellschaft, möchte Leute kennenlernen, sich austauschen, andere von ihren Erfahrungen profitieren lassen – und strahlt das auch aus. „Überhaupt geht es bei uns auch um Spaß und Geselligkeit. Das ist keine traurige Veranstaltung“, betont Stiller und denkt dabei etwa an den Besuch eines Chores, Lesungen oder gemeinsame Feste in der Vor-Corona-Zeit. Dann kann aus dem AB- auch schon mal ein Tanz-Café werden.

Das nächste AB-Café der Alzheimer Gesellschaft Vest Recklinghausen e.V. findet statt am Mittwoch, 15. September, von 15 bis 17 Uhr in den Räumlichkeiten der Evangelisch-Methodistischen Kirche in Recklinghausen (Limperstr. 34). Anmeldung erbeten bei Brigitte Bozdech: Tel. 02361 / 4858088 oder 0162 / 9300650. Für die Betreuung müssen 28 Euro gezahlt werden, die aber nach Angaben des Veranstalters mit der Pflegekasse abgerechnet werden können.

Daten & Fakten

Demenz und Alzheimer

  • Die Alzheimer Gesellschaft Vest Recklinghausen e.V. gibt es seit 2005. Sie ist Träger unterschiedlicher Beratungs- und Betreuungsangebote: Wandern für Menschen mit und ohne Demenz, Gedächtnistrainingskurse oder Fortbildungen für Pflegende.
  • Im Vest leben ca. 9000 Menschen mit Demenz. Demenz ist der Oberbegriff für eine Reihe unterschiedlicher Erkrankungen. Gemeinsam ist ihnen der zunehmende Verlust kognitiver, emotionaler und sozialer Fähigkeiten.
  • Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste und bekannteste Form von Demenz. „Sie ist durch einen fortschreitenden Verlust von Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet. Ablagerungen von schädlichen Eiweißen und Veränderungen in den Botenstoffen führen zur Funktionsminderung und Zerstörung von Nervenzellen“, heißt es auf der Homepage der Alzheimer Gesellschaft. Bei dieser Krankheit komme es schleichend zu Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, der Sprache sowie des Denk- und Urteilsvermögens: „Die zeitliche und örtliche Orientierung und die Fähigkeit, Neues zu lernen und zu behalten, sind geschädigt.“ Die Ausprägungen der Störungen, so Brigitte Bozdech, seien bei jedem anders, nähmen aber im Verlauf der Erkrankung zu.
Lesen Sie jetzt