Wohnen

Wohnraumberater: Das größte Hindernis sind wir selbst

Für ältere Leute können ein Teppich oder ein Schlüssel an einer Kommode zu einer Stolperfalle werden. Wohnraumberater Peter Pagel weiß, warum es ihnen so schwer fällt, Hilfe anzunehmen.
Berät Menschen im ganzen Ostvest: Peter Pagel von der Wohnberatung der Lebenshilfe. © Uwe Wallkötter

Ehe man sich versieht, sind die Kinder aus dem Haus, der Ruhestand ist da – und die Beweglichkeit früherer Jahre lässt zu wünschen übrig. Da können die eigenen vier Wände zur Gefahr werden, weiß Peter Pagel von der Wohnraumberatung der Lebenshilfe Waltrop. Er berät ältere Menschen im Ostvest und in Castrop-Rauxel. Im Gespräch äußert sich der 55-Jährige zu den größten Hindernissen, Veränderungen anzunehmen: Das sind wir selbst.

Ich bin durch eine Veranstaltungsankündigung in Datteln zum Thema Wohnraumberatung auf Sie aufmerksam geworden. Da viele ältere Leute zu unseren Lesern gehören, denke ich, dass das Interesse daran groß sein dürfte. Außerdem bin ich mit meinen 56 Jahren ja auch selbst nicht so weit von Ihrer Zielgruppe entfernt.

Peter Pagel: Dann dürfen Sie davon ausgehen, dass ein Großteil Ihrer älteren Leser sich zunächst mal nicht angesprochen fühlen und den Artikel mit einem gönnerhaften Lächeln registrieren wird. Viele entwickeln angesichts ihrer eigenen Situation eine gewisse Betriebsblindheit: Wer will schon als alt, krank und pflegebedürftig erkannt werden? Dass es einen betrifft, gestehen sich viele erst dann ein, wenn es beispielsweise nach einem Krankenhausaufenthalt nicht mehr weitergeht und sie den Pflegedienst um Rat fragen.

Warum kann es denn Risiken bergen, wenn wir uns verändern, aber unser unmittelbares Wohnumfeld nicht?

Pagel: Es gibt Untersuchungen von Sporthochschulen: Die sagen, dass wir alle stolpern, mal mehr, mal weniger. Wenn Jugendliche fallen, können sie sich einfach besser abrollen lassen als ältere Menschen. Die fallen dann schon mal um wie ein Baum. Daher ist der Anteil älterer Leute an Unfällen in der häuslichen Umgebung so hoch, und 80 Prozent verletzen sich durch Stürze.

Welche Verletzungen sind am häufigsten?

Pagel: Oberschenkel- oder Oberschenkelhalsbruch. Da wird man, ehe man sich versieht, zu einem Pflegefall. Aber es reicht ja schon ein gebrochener Arm, um gewohnte Dinge im Alltag nicht mehr mit der bekannten Selbstverständlichkeit zu verrichten. Ich weiß, wovon ich spreche – ich hatte mir vor ein paar Jahren mal einen Arm gebrochen. Da fällt es schon schwer, die Türe aufzuschließen. Man stellt halt fest, dass es ohne fremde Hilfe nicht geht. Da hilft dann das Angebot des Pflegedienstes nur bedingt: Der kommt drei Mal am Tag für jeweils zehn Minuten, und das war‘s.

Das anzuerkennen ist ja vermutlich die größte Herausforderung.

Pagel: Das will sich kaum einer eingestehen. Und da komme ich ins Spiel. Oft kommen Hinweise von Angehörigen oder vom Pflegedienst: dass es beispielsweise keine gute Idee ist, den Teppich in dem ohnehin schon engen Flur liegenzulassen, in dem auch noch zwei Kommoden stehen. Wenn man dann mit der Gehhilfe nicht mehr gut durchkommt, weil die Schrankschlüssel stören, ist es zu einem Sturz nicht weit. Da muss aber auch ich dicke Bretter bohren. Wer erkennt schon gerne an, dass er den Gegebenheiten in seiner eigenen Wohnung nicht mehr gewachsen ist. Schließlich hat er diese Wege schon viele tausend Mal gemacht – und nichts ist passiert.

Welchen Einfluss haben die Kinder auf ihre pflegebedürftigen Eltern?

Pagel: Einen denkbar geringen. Wir kennen das doch alle: Wir bleiben die Kinder unserer Eltern. Und so sehen sie uns auch. Das habe ich bei meiner eigenen Mutter erlebt. Eigentlich war sie nicht mehr in der Lage, sich eigenständig zu versorgen. Aber sie wollte nicht aus ihrem Haus auf dem Land in meine Nähe ausziehen und hat mich nicht als den Experten gesehen, sondern den Sohn. Schließlich haben wir die Pflege auch ohne nennenswerte Anpassungsmaßnahmen noch sehr gut in ihrem Haus organisieren können und sie konnte bis zu ihrem Tod zu Hause bleiben – so wie sie es sich gewünscht hatte.

Lässt sich Ihre persönliche Erfahrung auf die Gesamtsituation übertragen?

Pagel: Grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass acht von zehn Senioren davon überzeugt sind, dass sie alleine klarkommen und in ihrem Haus oder ihrer Wohnung bleiben können. Sie organisieren sich alles irgendwie: Der Nachbar ist so nett und putzt für sie das Treppenhaus, und der Junge von gegenüber erledigt die Einkäufe. Wenn man aber aus der Wohnung aus dem zweiten Stock ohne fremde Hilfe nicht mehr rauskommt, gerät der eine oder andere doch ins Grübeln. Unser Auftrag durch den Kreis ist es doch, Wege zu suchen, damit ältere und pflegebedürftige Menschen möglichst lange zu Hause leben können – sei es ohne fremde Hilfe oder eben mit. Ein Umzug ins Pflegeheim wird ja in der Regel nicht gewünscht.

Oftmals kommen ja auch immense Kosten auf einen zu, wenn man eine Wohnung altersgerecht umbauen will. Wie sieht es mit Förderung aus?

Pagel: Man kann bei der Pflegekasse einen Antrag auf einen Zuschuss für die Wohnumfeld-Verbesserung stellen. Dies ermöglicht häusliche Pflege oder die Selbständigkeit. Bei der KfW wiederum kann man einen Zuschuss oder Kredit erhalten, wenn man sein Haus oder seine Wohnung altersgerecht umbauen möchte. Auch die NRW-Bank fördert solche Umbaumaßnahmen im Bestand.

Solche Umbauten können ja richtig ins Geld gehen, beispielsweise wenn ein Badezimmer umgebaut werden soll.

Pagel: Ich bin immer wieder erstaunt, wie erfinderisch die Menschen sind, um irgendwie in die Badewanne zu gelangen und auch wieder aus ihr herauszukommen. Das mündet leider oft in selbstgefährdendem Verhalten. Dabei kann man schon mit geringem Aufwand etwas erreichen. Zum Beispiel durch ein Badewannenbrett oder einen Badewannenlifter – das sind dann Hilfsmittel der Krankenkassen und die gibt es auf Rezept. Wirksamer ist natürlich, ein Bad den Erfordernissen älterer Menschen anzupassen. Aber da sind Sie schnell mal bei 10.000 Euro. Und es ist auch nicht damit getan, eine Badewanne rauszureißen und gegen eine ebenerdige Duschtasse zu ersetzen. Da muss unter Umständen das halbe Bad umgestaltet und neu gefliest werden – oder aber der Platz reicht einfach nicht aus, weil manche Bäder zu klein sind. Zu guter Letzt muss ja auch der Eigentümer mitspielen, wenn man zur Miete wohnt.
Es gibt ja auch nicht wenige, die ein kleines Häuschen haben. Das wird dann zu groß, weil die Kinder ausziehen und der Partner stirbt. Sie sind ja dann vollends überfordert, ein solches Haus nebst Garten in Schuss zu halten. Was empfehlen Sie denen?
Pagel: Ich höre in der Tat immer häufiger solche Fragen: „Wer soll denn das Ganze pflegen?“ oder „Das Obergeschoss nutze ich schon lange nicht mehr, weil es zu groß ist und ich die Treppe nicht mehr gut hochkommen“. Da wäre der Umzug in eine kleinere Wohnung natürlich ratsam. Aus Dortmund kenne ich eine Wohnungs-Tauschbörse. Auf diese Weise gelangen junge Familien an das Haus, das sie sehnsüchtig suchen, und die älteren Leute kriegen eine Wohnung, die ihnen entspricht und die sie bewältigen können. Das würde ich mir fürs Ostvest auch wünschen.
Wie ist der Markt mit seniorengerechten Wohnungen? Man liest doch allenthalben, dass da so viel passiert angesichts des demographischen Wandels.
Pagel: Da hat sich etwas getan. Aber nicht in dem Ausmaß, wie es erforderlich wäre. Und wenn etwas neu gebaut wird, zielt es auf eine zahlungskräftigere Klientel ab. Und dann haben sie trotzdem nicht gleich die seniorengerechte Wohnung, von der wir nach DIN 18040 sprechen: Da sehe ich immer noch glatte Böden oder gläserne Duschabtrennungen, die toll aussehen, aber entweder total gefährlich oder sehr unpraktisch für die Pflege sind. Oder aber es gibt Wohnungsgesellschaften, die allen Ernstes im Altbestand sanieren und eine kleine Duschtasse einbauen – obwohl man es auch ebenerdig ohne Barriere einrichten könnte.

Vernetzung im Ostvest und nach Castrop-Rauxel

Sie haben vorige Woche mit der Caritas in Datteln eine Veranstaltung zur Sturz- und Unfallvermeidung in den eigen vier Wänden gemacht. Wie ist da die Verbindung?

Pagel: Die Schnittmenge sind die älteren Menschen. In diesem Fall kooperieren die Caritas und ich im Quartiersprojekt „Begegnung und Bewegung“ in Hachhausen, in dem es darum geht, Menschen ab 50 gesundheitsfördernde Präventionsangebote im Quartier zu machen. Ich suche und kultiviere das ja auch, indem ich regelmäßig Sprechstunden im Treffpunkt der Caritas in Hachhausen anbiete. Da kommt jetzt nicht die Masse, aber ein paar Interessierte gibt es schon.

Gibt es vergleichbare Kontakte auch woanders?

Pagel: In Castrop-Rauxel ist meine Kollegin mit der Wohnberatungsstelle auch sehr gut vernetzt. In Waltrop haben wir 2020 ein Quartiersprojekt in der alten Kolonie gestartet. Aber dann kam Corona. In Oer-Erkenschwick ist das Quartiersprojekt der Diakonie im Schillerpark, das von der Stiftung Fernsehlotterie ins Leben gerufen worden war, ausgelaufen. Meine Sprechstunden führe ich dort in Kooperation mit dem Seniorenclub O-E fort.

Wie hat sich Corona auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Pagel: Ich war überrascht. Wir hatten 2020 in der Beratung keine nennenswerten Einbrüche bei unseren Beratungen. Was mir allerdings Sorge bereitet sind nach wie vor die „Unerreichbaren“: also jene armen alten Menschen, die keine Zeitung lesen, an keinem Treffen teilnehmen und gar nicht mehr vor die Tür gehen, und die wir nun weniger denn je erreichen. Dafür habe weder ich, noch die anderen Akteure der Altenarbeit in den Städten eine Lösung.

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