Klimabewegung

„Wir sollten der Wissenschaft beim Klimaschutz genauso vertrauen wie wir es bei Corona tun“

Stefan Kuster ist einer der Köpfe der Bewegung „Parents for Future“. Er organisiert eine Demonstration am 24. September mit. Die Bürger sollen daran erinnert werden, wie wichtig Klimaschutz ist.
Stefan Kuster ist Klimaaktivist und Leiter der Gruppe Parents for Future. Das Foto ist vor dem Rathaus in Recklinghausen entstanden. Dort endet die Kundgebung am 24. September. © Jörg Gutzeit

Zwei Tage vor der Bundestagswahl rufen Aktivisten zu Klimakundgebungen aus. Eine findet in Recklinghausen statt. Daran beteiligt sind die „Parents for Future“ – Eltern, die sich an der Seite ihrer Kinder für mehr Klimaschutz einsetzen. Sie vernetzen sich gerade auch im Ostvest, suchen dort Unterstützer. Wir sprachen mit Stefan Kuster, dem Kopf der Gruppe.

Was haben Sie heute schon für Ihren CO2-Fußabdruck getan?

Stefan Kuster: Weil es mit dem Fahrrad zu weit zu meiner Arbeitsstätte in Kamen ist und es mit öffentlichen Verkehrsmitteln viel zu lange dauert, konnte ich da heute leider keine Pluspunkte sammeln – die müssen als Teil der Verkehrswende unbedingt ausgebaut werden. Aber immerhin fahre ich ein Hybrid-Auto. Das habe ich gebraucht gekauft und werde es möglichst lange nutzen – und dann auf ein Elektroauto umsteigen.

Und was haben Sie zu Hause durch Ihr Engagement bei „Parents for Future“ der Umwelt zuliebe geändert?

Kuster: Wir fahren mehr mit dem Rad. Wir haben auf einen Ökostrom-Versorger umgestellt – das allerdings schon vorher. Das kann jeder machen und es ist ja kein Akt: Es kostet nur eine Unterschrift. Bei Dienstreisen nehme ich grundsätzlich die Bahn, statt zu fliegen. Außerdem versuchen wir, weniger Fleisch zu essen und Dinge länger zu nutzen, beispielsweise Kleidung. Wir haben lange gebrauchte Kindersachen auf Kleidermärkten gekauft. Jede Sache hat ja ihren ökologischen Rucksack in der Produktion und beim Transport. Ja, die Änderung des persönlichen Lebensstils ich wichtig, keine Frage – und das ist auch für uns als Familie nicht einfach. Aber mindestens genauso wichtig sind die richtigen Rahmenbedingungen, die die Politik nach der Bundestagswahl schnell setzen muss. Zum Beispiel einen stärker steigenden und sozial ausgewogenen CO2-Preis einführen – dadurch bekommen die Dinge langfristig automatisch ihren ökologisch wahren Preis.

Ihre Töchter sind 13 und 15. In dem Alter haben Klamotten ja eine große Bedeutung. Wie viel Verständnis haben die beiden für die Zurückhaltung beim Klamottenkauf?

Kuster: Zum einen machen sie ja mit bei „Fridays for Future“, da muss ich sie gar nicht erst groß bekehren. Zum anderen ist es jetzt auch nicht so, dass sie jede Woche shoppen gehen wollen. Was aber nicht bedeutet, dass sie nicht modisch angezogen sind. Ihnen ist halt nur der Wert von Kleidung bewusst – das muss sich ja nicht ausschließen.

Wie fanden Ihre Töchter, dass Sie plötzlich auf den FFF-Demos auftauchten?

Kuster: Grundsätzlich bin ich für sie jetzt in ihrem Alter natürlich der oberpeinliche Papa Vater. Aber hierbei war das für sie überhaupt kein Problem. Sie waren von Anfang an bei den Demos dabei, auch wenn sie nicht zum Organisations-Team gehörten. Und schließlich brauchten die Jugendlichen ja auch Erwachsene, die die Veranstaltungen anmelden und sie als Ordner begleiten. Neulich waren wir außerdem gemeinsam in Garzweiler, ein richtiges Vater-Töchter-Event. Da haben wir eine Menschenkette gegen den Braunkohle-Abbau gebildet.

Aus meiner Sicht war FFF eine Bewegung von jungen Leuten. Die Eltern und Großeltern kamen erst später dazu. Trauen Sie den Jugendlichen es etwa nicht zu, alleine etwas zu bewegen?

Kuster: Und ob ich denen das zutraue. Ich bewundere diese Generation und habe großen Respekt vor dem, was sie schon jetzt für den Klimaschutz erreicht haben. Mein Antrieb mitzumachen hat etwas damit zu tun, dass wir alle gesellschaftlichen Schichten und alle Altersklassen vom Schüler bis zur Seniorin erreichen wollen. Alle fürs Klima eben. Es muss unsere gemeinsame Anstrengung sein, der Politik Druck zu machen beim Klimaschutz. Und wer noch nie auf einer Demo war: Wenn nicht jetzt am 24. September, wann dann? Wir wollen dort allen Klimaschutz-Bremsern symbolisch die Rote Klimakarte zeigen. Die nächsten Jahre sind entscheidend, und darum ist es die Bundestagswahl auch.

Rund 20 Monate gab es kaum noch öffentliche Veranstaltungen, die letzte Freitagsdemo liegt lange zurück. Inwieweit hat das die Klimabewegung zurückgeworfen?

Kuster: Es ist noch genügend Substanz da. Auch während Corona haben wir das gemacht, was gerade möglich war, beispielsweise Fahrraddemos. Das waren dann auch mal weniger als 100 Leute. Das entfaltet natürlich eine andere Wirkung als eine Demo mit 4000 Teilnehmern, so wie wir es in Spitzenzeiten hatten. Aber das ist typisch für soziale Bewegungen: Das ist vergleichbar mit einem Fluss, der erst anschwillt, aber auch halb austrocknen kann

. Je

tzt geht es darum, der Politik zu zeigen, dass wir immer noch da sind.

Kritiker werfen FFF vor, die Bewegung hätte nichts erreicht.

Kuster: Das stimmt ja nicht. Den europäischen Green Deal würde es ohne die Fridays so wohl nicht geben. In vielen Städten ist erst durch die Demonstrationen und den Druck von der Straße ein Bewusstsein gewachsen, den Klimanotstand auszurufen und lokale Klimaschutzmaßnahmen umzusetzen – global denken, lokal handeln. Und bei den einzelnen Menschen ist die Erkenntnis gereift, dass sie sich persönlich und politisch einsetzen können und nicht machtlos sind. Ich fasse es immer so zusammen: Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt.

Nun schwächelt ausgerechnet mit den Grünen die Partei, die mutmaßlich den Klimawandel am ehesten aufhalten oder zumindest verlangsamen möchte. Sind Sie enttäuscht?

Kuster: Wir Parents for Future sind überparteilich. Keine Partei kann sich davor verschließen, dass Klimaschutz nicht mehr aufgeschoben werden darf. Selbst die Grünen sind noch nicht Paris-konform und gehen in dem, was sie fordern, nicht weit genug. Jeder muss sich bei der Wahl für das geringste Übel entscheiden – Parents for Future empfehlen hier den Klimawahlcheck auf klimawahlcheck.org. Ich würde mir einfach wünschen, dass wir beim Klimaschutz genauso auf die Wissenschaft hören, wie wir es bei Corona getan haben. Es lässt sich ja vieles berechnen. Unter anderem, dass der Kohleausstieg 2038 zu spät kommt, das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW bestätigt. Und 30.000 „Scientists for Future“ haben als Wissenschaftler gesagt: Die Jugendlichen haben Recht mit ihren Forderungen.

Wozu die ganze Mühe? Was nutzt es, wenn wir in Deutschland und in anderen westlichen Staaten die Emissionen so deutlich reduzieren, und in China wird ein Kohlekraftwerk nach dem anderen gebaut, und in Brasilien der Regenwald abgeholzt.

Kuster: Das ist ja eine kindische Argumentation. Die Anderen machen ihre Hausaufgaben nicht, dann ich auch nicht. Nein, wir gehen voran und die anderen werden mitziehen, schon aus wirtschaftlichen Gründen, weil sich die Erneuerbaren Energien immer mehr rechnen. Wir haben in Paris einen völkerrechtlich verbindlichen Vertrag geschlossen, das alleine reicht schon. Dann haben wir hier in Deutschland nicht nur aktuell zwei Prozent des CO2-Ausstoßes zu verantworten und sind damit weltweit unter den Top Ten, sondern historisch gesehen sind es immerhin rund acht Prozent, das ist unsere Verantwortung. Auch haben wir einen viel höheren CO2-Pro-Kopf-Ausstoß als Menschen im globalen Süden – also auch eine größere Verpflichtung zur Reduktion. Und nicht zuletzt haben wir, anders als andere Länder, die technischen Voraussetzungen, den Klimaschutz voranzutreiben und die Erderwärmung aufzuhalten. Verabredet ist, den Anstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. Aber wir sind jetzt schon bei 1,2 Grad und steuern auf 4 Grad oder mehr zu. In solch einer Welt will und kann doch keiner leben. Nicht umsonst endet jedes Fieberthermometer bei 41 Grad – Klimaschutz ist Menschenschutz!
Das ist ja nun auch richterlich verbrieft.
Kuster: Das Bundesverfassungsgericht hat im Frühjahr erstmals und mit einem epochalen Urteil bestätigt, dass wir und vor allem unsere Kinder einen im Grundgesetz verankerten Rechtsanspruch auf Klimaschutz haben, auf eine enkeltaugliche Zukunft. Und wenn man das ernst nimmt und richtig angeht, werden in diesem Sektor viele neue Arbeitsplätze entstehen.

Ihr Thema ist ja nun durch und durch ein politisches. Was hindert die FFF-Bewegung daran, eine Partei zu gründen?

Kuster: Das ist nicht die Aufgabe der Fridays. Es ist Aufgabe der Politik, dieses Thema endlich umfassend anzupacken – und nicht nur von Wahl zu Wahl zu denken.

Die Verwaltungsgerichtsentscheidung gegen Datteln 4 dürfte Wasser auf die Mühlen der Klimaschutzaktivisten gewesen sein.

Kuster: Selbst ein Herr Söder sagt, dass 2030 mit der Kohleverbrennung Schluss sein muss. Und ein neues Kohlekraftwerk ist einfach falsch und bremst die Energiewende aus. Auch deshalb war die Entscheidung der Richter in Münster natürlich richtig. Wobei es im Kern ja darum ging, dass das Kraftwerk gar nicht dort stehen dürfte, wo es nun steht: In der Nähe sind die Kinderklinik und Wohnbebauung. Da stimmt doch etwas nicht, wenn wir den Vergleich zur Windenergie ziehen. Ein Windrad muss in NRW seit April 1000 Meter Abstand zur Wohnbebauung.

Eigentlich ist ja keiner gegen Klimaschutz – so lange es nicht den eigenen Geldbeutel betrifft. Wie ist dieses Dilemma zu lösen?

Kuster: Bis zu einem gewissen Grad gar nicht. Das wird uns alle schon etwas kosten – aber es muss sozial ausgewogen sein. Aber: nicht Klimaschutz ist teuer, sondern fehlender Klimaschutz kostet. Das DIW hat errechnet: Jeder Euro, den wir jetzt in Klimaschutz investieren, spart uns 15 Euro Klimaschäden. Was passiert, wenn wir das ignorieren, haben wir im Juli im Ahrtal und anderswo gesehen. Und erleben es mit einem Hitzerekord nach dem anderen, mit Dürren, sterbenden Wäldern und Waldbränden. Wir müssen unsere Schöpfung bewahren – dafür setze ich mich auch in und mit meiner Kirche ein.

Der Abend in Datteln

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.