Friseurhandwerk

Wenn ein Beruf zur Berufung wird

Ich gehöre zu Datteln, wie Udo Walz zu Berlin gehörte! Das sagt Friseurmeisterin Brigitta Baurecht-Hölter selbstbewusst mit Blick auf ihre 56 Jahre im für sie schönsten Beruf der Welt.
Friseurmeisterin Brigitta Baurecht-Hölter stößt auf 40 Jahre Selbstständigkeit an, solange führt sie schon ihren Salon in der Kolpingstraße. Sie hofft, irgendwann auch wieder mit ihren Kunden anstoßen zu dürfen. © Martina Bialas

Seit 1981 ist sie selbstständig und betreibt ihren Salon in der Kolpingstraße 3.

Schick und elegant kommt die zierliche „Grande Dame“ daher. Für das Interview hat sie sich zu ihrem schwarzen Outfit einen pinkfarbenen Schal umgelegt. Mode und Frisuren gehören für sie aufeinander abgestimmt. Sie selbst setzt auf sportlich elegant, ihren Stil prägte ihre Mutter, die als Schneiderin ihre Tochter einkleidete und beriet. „Ich habe nie etwas von der Stange getragen.“

Ein Faible für Abendkleider

Brigitta Baurecht-Hölter hat ein Faible für Abendkleider, auch wenn sich selten Gelegenheiten ergeben, diese zu tragen. „Macht nichts, ich kann auch in ihnen schlafen“, sagt sie verschmitzt.

Vor 70 Jahren erblickt sie in Serbien das Licht der Welt. Ihr deutscher Vater ist dort in Kriegsgefangenschaft geraten und nimmt ihre Mutter und sie mit nach Datteln, als sie dreieinhalb Jahre alt ist. Bis heute beherrscht Brigitta Baurecht-Hölter ihre Muttersprache und pflegt den Kontakt zu einer Cousine. Sie weiß schnell, dass sie Friseurin werden möchte, die Köpfe ihrer Puppen werden täglich gekämmt. Unbeirrt geht sie ihren Weg und startet ihre Ausbildung im damaligen Salon Herboldt am Neumarkt. Als Gesellin arbeitet sie im Salon Gaby am Südring. Sie ist eine gute Zuspielerin und fühlt, dass ihr Beruf ihre Berufung ist. Mit 29 Jahren besucht sie die Meisterschule in Dortmund, sie möchte mehr.

Kinder gehören nicht zur Lebensplanung

Kinder gehören nicht in ihre Lebensplanung, die Ehe mit ihrem Mann Günter schon. „Mein Platz war und ist hinter dem Stuhl“, macht sie für sich aus. Nach erfolgreich bestandener Prüfung entdeckt sie das Ladenlokal in der Kolpingstraße. Die Miete kann sie stemmen und mit einem Existenzgründerdarlehen und eigenen Ersparnissen richtet sie sich dort ein. Sie beweist Geschmack, der nicht ganz preiswert ist: 300 Mark kostet eine kleine Spiegelablage aus Carrara-Marmor. „Verrückt, oder?“, lacht sie und freut sich, dass die Ausgabe sich gelohnt hat. Bis heute hält der Stein und sieht aus wie neu.

Filialen in Recklinghausen und Gelsenkirchen

Sie eröffnet Filialen in Recklinghausen und Gelsenkirchen, heute fährt sie wieder kleiner. Circa 30 Auszubildende hat sie auf den Weg gebracht, zu fast allen hat sie noch Kontakt. Brautfrisuren sind unter anderem die Glanzlichter in ihrem Berufsleben. Die erste Braut, die sie frisierte, feierte bereits ihre Goldhochzeit. Brigitta Baurecht-Hölter sagt nicht zu allen Anliegen „ja“, sie berät genau und manchmal muss sie auch Überzeugungsarbeit leisten, wenn die Wünsche der Kunden nicht zum Typ oder Haar passen.

Einmal Angela Merkel frisieren

Neuen Techniken gegenüber ist sie aufgeschlossen, gerade hat sie die angesagte Farbe Pink auf das Haupt einer Kundin aufgetragen. Sie erinnert sich an die wilde Perückenzeit in den 60-er-Jahren oder die Vokuhila-Hochphase in den 80er Jahren.

Für Hobbys hat sie wenig Zeit, einen Rock’n Roll-Kurs hat sie besucht. Sie liebäugelte einst mit einer Fortbildung zur Berufsschullehrerin und einem Friseureinsatz auf dem Traumschiff, beides ließ sich nicht umsetzen.

Die Ladentür öffnet sich wieder und wieder, Frauen, Männer und Kinder fragen nach Terminen und nach den Vorgaben für einen Coronatest. Geduldig klärt Brigitta Baurecht-Hölter auf. Den Lockdown hat sie für lange Spaziergänge, Koch- und Putzaktionen genutzt. Sie möchte erst nach 60 Arbeitsjahren an die wohlverdiente Rente denken. „Zuvor würde ich gerne noch Angela Merkel frisieren“, sagt sie und denkt über eine leichte Welle für die Kanzlerin nach.

Fernsehserie für die neuen Frisurentrends

Ihre Lieblingsserie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ schaut sie wegen der Frisurentrends. Dort zeichnen sich gerade gewellte Haare für die Frauen ab. Die Friseurmeisterin erkennt jeden neuen Trend sofort. Gerne hätte sie mit ihren vielen Kunden auf die 40 Jahre angestoßen, das ist jedoch im Moment nicht möglich.

Für sich hat sie erkannt: „Man kann nicht alles richtig machen, aber ich lebe gut und habe Spaß.“

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