Menschen

Warum es keine Kunst ist, sein Leben zu ändern

Zunächst hat Susanne Schollas aus Horneburg nur für sich gemalt. Als die Kinder aus dem Haus sind, will sie es wissen. Es folgen Ausstellungen und ein Job als Kunstlehrerin am Comenius.
Susanne Schollas in ihrem Atelier in Horneburg. © Martina Bialas

„Kinder machen einfach, man kann viel von ihnen lernen“, sagt Susanne Schollas, die seit knapp vier Jahren Kunst am Dattelner Comenius-Gymnasium unterrichtet. Dabei hat sie selbst auch „einfach mal gemacht“, als sie mit 46 Jahren ihr Leben ein wenig hinterfragt hat. Die Kinder sind groß, der Haushalt läuft rund, Ehemann Ludger geht seinem Job nach.

Die Horneburgerin malt gerne in ihrer Freizeit, mit den Ergebnissen ist sie jedoch nicht immer zufrieden. So wagt sie mutig einen besonderen Sprung, sie stellt sich mit einer Kunstmappe voller Bilder am Institut für Ausbildung in bildender Kunst und Kunsttherapie (IBKK) in Bochum vor.

Unvergessen ihre Gefühle an diesem Tag, als sie vor dem Institut steht: „Warum tust du dir das eigentlich an?“ Aber kneifen möchte sie nicht, im Hinterkopf hat sie die begeisterten Zurufe ihrer Kinder und den Stolz ihres Mannes gespeichert, als sie ihnen von ihrer Idee erzählt. Susanne Schollas öffnet die Tür und hat Erfolg: Sie wird angenommen und startet ein Wochenendstudium.

Susanne Schollas kämpft sich durch

„Auf sieben schlechte Bilder folgt ein gutes“, heißt die Motivation der Schüler, und Susanne Schollas kämpft sich durch. Sie erkennt schnell, was ihr ihr liegt. Trotzdem probiert sie sich aus. „Ich möchte nicht nur das malen, was ich kann.“ Sie übt stundenlang, lernt Maltechniken und Farben kennen, trifft Entscheidungen für Motive, nimmt peu à peu die richtigen Blickwinkel wahr, erstellt Plakate, startet in Eigenwerbung durch und bestückt mit ihren Bildern erste Gemeinschaftsausstellungen. „Es ist unglaublich, wenn das Bild hängt, die Familie vorbeikommt und sich alle gemeinsam vor dem Werk fotografieren lassen.“

Und der Plan von Susanne Schollas geht auf: Sie verlässt mit dem Abschluss „Meisterschülerin in Freier Malerei und Graphik“ das IBKK. In ihrem eigenen Atelier zu Hause malt sie weiter, hauptsächlich mit Kohle, Kreide und Acrylfarben. Und sie entdeckt für sich ein Thema: Flüchtlinge. Sie beschäftigt sich mit ihren Schicksalen und sucht in den Lagern Kontakt zu ihnen.

Was manchmal schwer in Worte zu fassen ist, hält sie in ihren Bildern fest. Sie schafft es, die Emotionen in den Gesichtern der Menschen festhalten: Glück, Trauer, Schmerz, Lachen. Die Bildbetrachter treffen auf echte und unverfälschte Gefühle treffen. Die Werke stellt sie in einer Gladbecker Kirche aus.

Schulleiterin macht ihr ein Angebot

Als Integrationshelferin begleitet Susanne Schollas eine Schülerin in der Flüchtlingsklasse am Comenius-Gymnasium. Schulleiterin Regina Brautmeier geht von einer Sozialarbeiterin aus, die das Flüchtlingsprogramm in ihrer Schule unterstützt. In einem Gespräch stellt sie erstaunt fest, dass Susanne Schollas in Sachen Kunst unterwegs ist und macht ihr ein Angebot: Die Horneburgerin startet im August 2017 mit sechs Kunst-Unterrichtsstunden, heute sind es 16.

Und die Künstlerin bewegt viel. Als es heißt, dass das Beratungsbüro der Schule farbenfroh gestaltet werden soll, macht sie sich mit 13 Schülern ihrer Kunst-AG ans Werk, pardon, an die Werke.

Es entsteht in drei Monaten eine Serie abstrakter geometrischer Landschaftsmalerei. Auch wenn sich die 58-Jährige an den Lehrplan halten muss, kleine „Ausflüge“ für sie und ihre Schüler sind möglich. „Kinder sind gut zu motivieren, wenn man selbst von seiner Aufgabe überzeugt ist. Nur wenige Ausnahmen blocken ab“, hat Susanne Schollas für sich erkannt.

Den Elfenbeinturm verlassen

Zu Hause genießt sie die Zeit in ihrem kleinen Atelier, das Spiel mit der Farbe, Konturen verschwinden zu lassen und wieder neu zu zeichnen. Sie freut sich, das eigene Elfenbeintürmchen verlassen zu haben, denn sie wollte mehr, als nur einem teuren Hobby nachgehen. Und sie freut sich auch über ihren Mut: „Bilder malen bedeutet, sich zu entkleiden. Man zeigt seine eigene Verletzlichkeit.“

Vor 29 Jahren ist sie der Liebe wegen ins eigentlich beschauliche Horneburg gezogen, das ihr Leben so spannend verlaufen würde, hat sie sich nicht vorgestellt.

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