Flammender Appell eines Wahl-Dattelners

„Unsere Stadt ist lebens- und liebenswert“

Rainer Weiß zieht nach 16 Jahren von Datteln nach Bochum. Ihm bricht es bei dem Gedanken fast das Herz. Daher kann er nicht verstehen, warum Dattelner ihre Stadt oft so madig machen.
Hat nicht jeder, so ein Kanal-Idyll! © Sebastian Balint

Machen die Dattelner ihre Stadt schlechter, als sie ist? Verbindet sie eine Hassliebe mit der Stadt, in der sie leben? Rainer Weiß kann jedenfalls nicht verstehen, warum Dattelner nicht die schönen Seiten der Kanalstadt sehen – oder sehen wollen. In einem Brief an die Dattelner Morgenpost schreibt er:

„Und wieder einmal lese ich in der Morgenpost, wie öde doch unsere Stadt ist, unattraktiv und langweilig; ganz anders als Dortmund oder Bochum.

Nun, am Ende dieses Monats werde ich nach Bochum ziehen, in meine Geburtsstadt. Und es bricht mir (fast) das Herz. Wenn mich nicht persönliche Umstände dazu zwingen würden, kriegten mich die berühmten zehn Pferde hier nicht mehr weg.

Ein herrliches Fleckchen Natur: die umgestalteten Lippeauen in Ahsen.
Ein herrliches Fleckchen Natur: die umgestalteten Lippeauen in Ahsen. © Landschaftsgentur © Landschaftsgentur

Als wir vor etwa 16 Jahren nach Datteln kamen, war uns diese Stadt weitgehend unbekannt. Aber Datteln hat uns freundlich aufgenommen, ein schönes neues Zuhause, nette Menschen im beruflichen Umfeld und eine Nachbarschaft, wie man sie sich besser nicht wünschen kann.

Oft und immer wieder hat mich der „Dattelner Defätismus“ erstaunt und gestört: Kein gutes Haar lasst ihr an eurer Stadt! Dabei hat Datteln als Bindeglied zwischen Münsterland und Ruhrgebiet eine einzigartige Lage. Warum wohl gibt es elf Campingplätze auf dem Stadtgebiet? Weil die Ruhris es lieben, nach etwas mehr als einer halben Stunde Autofahrt im Grünen zu sein, an den Kanälen, in der Haard, im Münsterland.

Bernd Julius Arends, Inhaber des Katielli-Theaters. © SYSTEM © SYSTEM

Das kulturelle Angebot ist vielleicht etwas dünner als in der großen Stadt; aber das Kulturbüro zaubert immer wieder tolle Veranstaltungen aus dem Hut, und bei Katielli sitzt du fast auf der Bühne. Das ist live! Und wenn’s denn die große Oper, das große Theater, das Multiplexkino sein soll: Das Ruhrfestspielhaus, die Dortmunder Oper, das MiR sind eine kurze Autofahrt entfernt.

Gut, das Angebot für junge Menschen kann sich nicht mit dem der größeren Nachbarstädte messen. Aber ist es nicht so, dass sich junge Tanzwütige an Kultdiscos oder eben Treffpunkten wie dem Bermudadreieck orientieren? Die kann man nicht planen, die entstehen von selbst — oder eben nicht. Und wer nur einen Katzensprung zum TARM-Center (falls es das noch gibt) hat, für den ist die heimische Simpeldisco keine Alternative.

Eine Stadt der kurzen Wege

Und wenn die Bürgersteige hochgeklappt sind, dann können auch die beiden bierseligen Freunde in Ruhe ihren Heimweg antreten, ohne auf grölende Randalierer zu treffen. Übrigens: Um solche Fotos wie das in dem Artikel zu machen, bin ich im Frankreichurlaub schon nachts aufgestanden.

Und schließlich: Die Bevölkerung einer Stadt besteht die nicht nur aus jungen Menschen. Ich — als mittlerweile Älterer — bin sehr dankbar für eine Stadt der kurzen Wege, ob ich zum Rathaus, zum Krankenhaus oder Arzt, in den Supermarkt oder zum städtischen Markt will. Und was die Leerstände anbetrifft, kommt unsere Innenstadt noch relativ gut davon; besucht mal den Westenhellweg in Dortmund oder die Kortumstraße in Bochum.

Das Dorf Horneburg aus der Luft. Der Ortskern, die alte Freiheit, soll unter Denkmalschutz gestellt werden
Das Dorf Horneburg aus der Luft. Der Ortskern, die alte Freiheit, soll unter Denkmalschutz gestellt werden © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Ich schreib es allen Dattelnern zum Abschied ins Stammbuch: Datteln ist lebens- und liebenswert, mehr als manch hochgerühmte Metropole; und das ist kein Mantra, sondern die Erkenntnis aus 16 Jahren Leben!“

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