Pfuschen für gute Noten?

Spickzettel und Abschreiben: Geständnis der Lehrer in Datteln, Waltrop und Oer-Erkenschwick

Bald gibt‘s Zeugnisse… Andere Jugendliche in Datteln, Oer-Erkenschwick und Waltrop haben‘s endgültig hinter sich: Schulabschluss. Mancher wird gemogelt haben für gute Zensuren. Und? Wie haben es ihre Lehrer früher so gemacht?
Na,na! Ist "Spicken" erlaubt? Natürlich offiziell nicht. Hartmut Nürnberg, Vize-Chef der Gesamtschule Waltrop, hat es einmal im Leben selbst versucht und ist gründlich auf die Nase gefallen. Seine Schüler ermuntert er allerdings, Spickzettel anzufertigen. © Ein Spickzettel auf einem Schülerpult, daneben ein Mann.

Schule kann Spaß machen, aber auch Stress bedeuten. In zwei Wochen beginnen die großen, die Sommerferien (27. Juni bis 9. August). Schön. Davor allerdings Zeugnisse. Hunderten von Jugendlichen im Ostvest kann das jetzt egal sein, sie haben ihren Abschluss in der Tasche. Glückwunsch! Nicht immer allerdings wird das ohne Mogeln, Abgucken, Spickzettel vonstatten gegangen sein. Lehrerinnen und Lehrer sehen das natürlich nicht so gerne – waren aber auch mal Schüler. Was haben sie sich so herausgenommen? Wir fragten nach.

Der Spickzettel im Etui „diente nur der Beruhigung“

„Ich habe niemals abgeguckt“, versichert Ruth Petek, stellvertretende Schulleiterin der Christoph-Stöver-Realschule in Oer-Erkenschwick. Die 50-Jährige hatte nämlich eine andere Methode, um möglichst gute Noten zu ergattern. „Ich habe mir Spickzettel gemacht und im Etui versteckt“, erinnert sie sich. Benutzt jedoch habe sie während des Schreibens von Klassenarbeiten nie. „Die dienten eigentlich nur zur Beruhigung, für den Fall, dass…“

Aufgrund eigener Erfahrungen kennt die Pädagogin, deren Herz an Mathematik und Naturwissenschaft hängt, ihre Probanden: „Etuis müssen während der Klassenarbeiten neben dem Tisch abgestellt werden.“

Waltrops Gesamtschul-Vizechef lässt Schüler „mogeln“

Ein bekennender Fan von Spickzetteln ist Hartmut Nürnberg, Vize-Chef der Gesamtschule in Waltrop. Er ermuntert seine Schüler geradezu, sich solche anzufertigen. Momentan unterrichtet er zwar nicht, weil er mit der Schulleitung mehr als genug zu tun hat, aber: „Ja, ich habe meine Schüler aufgefordert, Spickzettel zu schreiben.“

Die durften sie auch benutzen während der Klassenarbeiten.“ Wie bitte? Der 61-Jährige lacht: „Klar. Überlegen Sie doch mal! Wenn ein Kind sich hinsetzt und zu Hause alles aufschreibt, von dem es Angst hat, es in der Schule vielleicht nicht zu wissen, was passiert dann wohl? Es weiß es.“ Bedingung für dieses recht ungewöhnliche Zugeständnis: „Die Spickzettel müssen mit der Klassenarbeit abgegeben werden.“

Durchaus nicht zum Schaden der Mädchen und Jungen: „Wenn sie gut sind“, sagt Nürnberg, „gibt‘s vielleicht am Ende eine 3plus statt einer 3.“

Einmal abgeguckt, aufgeflogen „und nie wieder“

Persönlich hat er schlechte Erfahrungen mit dem „zweiten Weg zur guten Note“ gemacht. Das hat er nie vergessen. „In der siebten Klasse habe ich abgeguckt und wurde sofort erwischt.“ Furchtbar peinlich und frustrierend sei das gewesen. „Meine Mutter musste mich abholen.“ Seitdem: „Nie wieder!“

Dattelns Vize-Rektor schrieb ab „ohne Ende“

Dr. Andreas Gayda, stellvertretender Schulleiter am Comenius-Gymnasium in Datteln, war da irgendwie gewiefter: Gepfuscht habe er ohne rot zu werden. Insbesondere in Chemie: „Ein Albtraum für mich.“ Zum Glück saß sein begabterer Freund neben ihm, heute Neurochirurg: „Da habe ich abgepinnt ohne Ende.“

Von Tattergreisen unterrichtet, die kaum noch etwas sahen

Mal aufgefallen?. „Nö.“ Seinerzeit, blickt der 59-Jährige zurück, herrschte Lehrermangel, gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern. Da wurden fachlich hoch qualifizierte, pädagogisch eher weniger ausgebildete Rentner und Pensionäre rekrutiert: „Tattergreise“, amüsiert sich Gayda noch heute, „die konnten ja kaum noch richtig sehen und haben gar nichts mitbekommen.“

Heute, betont der stellvertretende Schulleiter des Comenius-Gymnasiums, der 1982 auf dem Hittorf-Gymnasium in Recklinghausen sein Abitur machte, sei das alles anders: „Die Kollegen sind jung und auf Zack. Die kriegen so etwas in der Regel sofort mit.“

Erwischt? Heft weg und die Sechs garantiert

Und falls, dann kann es sehr bitter werden: Heft weg. Sechs. Das war schon früher so und hat sich nicht geändert.

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