Wirtschaft

Reisebusse kommen langsam wieder ins Rollen

Busunternehmer Wolfgang Iltz ist froh, dass er nach monatelangem Stillstand seine Busse wieder aus dem Depot holen kann. Mit einer Normalisierung des Geschäfts rechnet er nicht vor 2022.
Der Dattelner Busunternehmer Wolfgang Iltz hofft, dass er nach und nach seine Busse wieder auf die Straße bringen kann. © Minarzik

Viele Branchen wurden durch die Lockdowns stark getroffen. Der Dattelner Busunternehmer Wolfgang Iltz konnte sich mit Schulbusverkehren und staatlichen Hilfen über Wasser halten. Er hofft, dass Rückschläge durch eine weitere Corona-Welle ausbleiben.

Im Vorjahr haben Sie mit ihrem Kollegen Daniel Minarzik mit einer Protestaktion auf die Notlage Ihrer Branche aufmerksam gemacht. Damals war es 5 vor 12. Da die Busse seitdem weitgehend stillstanden, müsste es jetzt 5 nach 12 sein.

Wolfgang Iltz: Zum Glück nicht. Aber ohne staatliche Unterstützung wäre es schwer geworden. Das trifft für viele aus der Branche zu. Aber diese Hilfe war zum Zeitpunkt unserer Aktion nicht absehbar. Da hieß es für uns alle: von 100 auf null. Da habe ich mehr als eine schlaflose Nacht gehabt.

Seitdem sind Sie nicht mehr gefahren?

Iltz: Doch! Die Schulbusverkehre, die wir für verschiedene Städte fahren, haben uns über Wasser gehalten. Aber das reicht nicht aus, um damit auf Dauer zu überleben. Auch andere mussten sich strecken.

Wie hoch ist der Anteil der Schulbusverkehre an Ihrem Umsatz?

Iltz: Es sind je nach Reisesaison im Sommer rund 30 Prozent, im Winter mehr. Während der Schulschließung fiel das ja auch noch weg. Phasenweise mussten wir einen Umsatzrückgang von 100 Prozent verkraften. Anfangs haben wir uns bei Stornierungen noch kulant gezeigt. Aber das war nicht durchzuhalten, das konnten wir uns nicht leisten.
Wie verkraftet man solche Ausfälle?

Iltz: Die Soforthilfe und die Überbrückungshilfen haben uns sehr geholfen. Dafür bin ich dankbar, und durch das Kurzarbeitergeld brauchte ich keinen Mitarbeiter entlassen. Ich musste alle Fahrer nach Hause schicken. Die Reisebusse waren ja abgemeldet. Leid taten mir unsere Mini-Jobber. Die sind bei den staatlichen Hilfen durchs Raster gefallen. Zum Glück ist keiner davon existenziell auf das Geld angewiesen. Das sind Hausfrauen oder Rentner, die sich etwas dazuverdienen wollen. Aber klar, sie mussten auch auf Dinge verzichten, die sie sich von den 450 Euro im Monat leisten wollten.

Aus anderen Branchen wie beispielsweise der Gastronomie ist zu hören, dass sich Kellner zwischenzeitlich umorientiert haben und in anderen Branchen Jobs gefunden haben. Trifft das auch auf Ihre Fahrer zu?

Iltz: Zum Glück nicht. Ich habe auch zu allen in den Phasen der Lockdowns Kontakt gehalten, mit jedem mal einen Kaffee getrunken. Sie werden alle zurückkehren.

Dem entnehme ich, dass Sie trotz des aufgehobenen Verbots touristischer Fahrten vor einigen Wochen noch nicht wieder im Vollbetrieb sind.

Iltz: Das wird auch noch eine Weile dauern. Wir haben bisher erst einen unserer sechs Reisebusse wieder angemeldet. Eben, weil die Nachfrage sich in Grenzen hält. Es beginnt langsam wieder mit kurzen Tagesfahrten in den Maximilianpark Hamm oder nach Reken. Das hat aber auch etwas mit unserem Spektrum zu tun. Wir bieten ja nicht selbst touristische Fahrten an, sondern wir werden angemietet von Reiseveranstaltern, Vereinen, Schulen für Tages- und Klassenfahrten. Wie das nach den Sommerferien aussieht, vermag auch noch niemand zu sagen. Die Kunden sind noch sehr zurückhaltend. Die längeren, umsatzstarken Reisen werden nicht kurzfristig, sondern lange im Voraus gebucht. Aber ich will nicht klagen: Andere haben auch gelitten – und wir können es ja nun mal nicht beeinflussen. Corona hat fast alle Bereiche des wirtschaftlichen Lebens lahmgelegt.

Einige hat es nicht so hart getroffen, auch aus der Reisebranche. Haben Sie sich gewundert, dass Menschen in vollbesetzten Flugzeugen sitzen durften, aber Busse nicht fahren durften?

Iltz: Ich hege da keinen Groll. Die meisten Flugzeuge mussten doch auch am Boden bleiben. Und die Fluggesellschaften hatten wie wir massive Umsatzeinbußen.
Wann rechnen Sie wieder mit Normalbetrieb wie vor Corona?
Iltz: In diesem Jahr definitiv noch nicht. Da bin ich pessimistisch. Und ob wir 2022 wieder die Zahlen von 2019 erreichen, wage ich nicht zu prognostizieren. Das waren allerdings auch für die gesamte Branche gute Jahre. Das hatten wir für Investitionen genutzt und Ende Feb. 2020 einen neuen Bus gekauft – der ist dann gar nicht mehr zum Einsatz gekommen. Nach den Sommerferien werden wir auf jeden Fall zwei oder drei Busse wieder anmelden – mehr macht noch keinen Sinn. Noch gibt es viele Auflagen, die sicher manche Gruppe von Busfahrten abhält, wie Testpflicht, Masken oder maximal 60 Prozent Auslastung. Ich hoffe, diese Auflagen entfallen bald, damit die Reiselust wieder geweckt wird.
Wie schaffen Sie es, durch das Dickicht der Verordnungen durchzublicken? Auch was Auslandsreisen betrifft?
Iltz: Als Einzelkämpfer hat man da gar keine Chance – es sei denn, man macht den ganzen Tag nichts anderes, als sich durch Paragrafen und Ausnahmeregelungen zu quälen. Das muss ja nicht mal das Ausland betreffen – von Bundesland zu Bundesland gelten immer noch unterschiedliche Bestimmungen. Das macht unser Verband für uns. So sind wir immer auf dem aktuellen Stand.
Wie sieht es mit Hygienekonzepten aus?

Wir haben sehr früh begonnen, Trennscheiben in unsere Busse einzusetzen, die den Schulbusverkehr bedienen. Desinfektionsmittel sind sowieso vorhanden. Außerdem sind alle unsere Fahrer geimpft. Und die Reisebusse werden nach jeder Fahrt desinfiziert und gereinigt.

Wie funktioniert das?
Iltz: Wir haben in das Bio-Air-Clean-System investiert – und sind dafür auch zertifiziert worden. Das Desinfektionsmittel wird nach der Fahrt fein zerstäubt, der ganze Bus inklusive Klimaanlage wird eingenebelt, wie in einer Disco. Der Kunde erhält ein keimfreies Fahrzeug. Andere Kollegen setzen auf Systeme während der Fahrt, aber uns hat diese Variante am meisten überzeugt. Es wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass das Infektionsrisiko während der Fahrt sehr gering ist, da die Luft im Bus alle paar Minuten komplett ausgetauscht wird.
Wie haben Sie die Zeit während der Lockdowns persönlich erlebt?
Iltz: Das war eine völlig neue Erfahrung. Zu Hochzeiten müssen wir ja rund um die Uhr erreichbar sein. Da durfte ich das Handy nicht aus den Augen lassen. Aber auf einmal rief keiner mehr an. Da haben wir alles nur noch im Schongang gemacht: Das Büro hatten wir geschlossen, die Fahrzeuge gewartet – aber damit ist man auch irgendwann durch. Jetzt haben wir das Büro immerhin wieder vormittags geöffnet – aber meine Frau, die sich darum kümmert, ist immer noch in Kurzarbeit.
Ihre Busse sind nicht eingerostet?
Iltz: Nein! Da muss ich der NRW-Landesregierung ein Lob aussprechen. Dort hat man uns gestattet, rote Saisonkennzeichen anzubringen, um die Busse wenigstens einmal im Monat zu bewegen. Bei der Technik, die da drin steckt, ist das zwingend notwendig. Macht man das nicht, wird es teuer.
Welche Erfahrungen haben Sie mit den staatlichen Hilfen gemacht?
Iltz: Überwiegend gute. Manchmal war die Nachfrage allerdings so groß, dass die Töpfe schnell leer waren. Was wir beantragt haben, ist recht schnell geflossen, aber der bürokratische Aufwand ist sehr hoch, die Regeln ändern sich ständig. Dann gibt es noch das Angebot von KFW-Krediten, die müssen aber natürlich zurückgezahlt werden. Das Geld würde dann später für Investitionen fehlen.
Wie ist Ihre momentane Gefühlslage?
Iltz: Ich bin noch verhalten optimistisch. Wer kann schon sicher sagen, dass wir nicht doch noch eine weitere Welle erleben werden? Ich hoffe aber natürlich, dass sie nicht kommt. Das Jahr hat uns nicht nur Geld, sondern auch Nerven gekostet. Das möchte ich eigentlich nicht noch einmal erleben.

Das private Busgewerbe

  • Der Verband Nordrhein-Westfälischer Omnibusunternehmen (NWO) vertritt die Interessen von rund 430 mittelständischen Busunternehmen. Insgesamt haben die privaten Busunternehmen in NRW rund 14.000 Beschäftigte.
  • Nahezu 40 % der Fahrleistungen im ÖPNV werden durch private Omnibusunternehmen erbracht. Der Schulbusverkehr im Auftrag der Kommunen wird fast zu 100 % durch private Omnibusunternehmen erbracht.
  • Jedes Jahr befördert die Branche im einwohnerstärksten Bundesland zudem rund 12 Millionen Fahrgäste im nationalen und internationalen Reiseverkehr.

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