Sicherheit

Polizei sichert sich die Videoaufnahmen aus der Linie 280

In der Vorwoche war eine 16-Jährige von einem Fahrgast sexuell belästigt worden. Für solche Fälle gibt es bei der Vestischen einen Plan, wann die Polizei verständigt wird.
vestische © In der Linie 280 kam es in der vergangenen Woche zu dem Vorfall.

Die Polizei will die Videoaufnahmen aus dem Linienbus der Vestischen auswerten, in dem in der vergangenen Woche eine 16-Jährige von einem Unbekannten sexuell belästigt worden ist. Unternehmenssprecher Christoph van Bürk bestätigte auf Anfrage unserer Redaktion, dass eine entsprechende Anfrage vorliegt. Sofern die Bilder verwertbar sind und der Mann darauf zu erkennen ist, wird die Polizei ein Foto möglicherweise veröffentlichen, um Hinweise auf dessen Identität zu erhalten. Da es sich um ein kompliziertes juristisches Verfahren handelt, können allerdings Monate vergehen.

Aufzeichnungen werden nach 72 Stunden gelöscht

Um Videoaufnahmen in Linienbussen zu sichern, ist Eile geboten. Nach 72 Stunden werden die Daten automatisch gelöscht – so will es der Datenschutz. Es sei denn, die Fahrer betätigen eine Taste, der Aufnahmen davor schützt, gelöscht zu werden. Das geschieht laut van Bürk in solchen Fällen, in denen Fahrer mitbekommen, dass ein Fahrgast belästigt wird oder es zu einer verbalen oder körperlichen Auseinandersetzung zwischen Fahrgästen kommt. Den Vorfall in der vergangenen Woche hat der Fahrer nicht bemerkt.

Die 16-Jährige war um 13.38 Uhr am Beethovenplatz in Datteln in die Linie 280 in Fahrtrichtung Innenstadt eingestiegen. Bereits im Bus befand sich ein Mitte bis Ende 30 Jahre alter Mann. Er setzte sich neben sie und versuchte, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Dabei fasste er ihr dann an die Innenseite ihres Oberschenkels. Die 16-Jährige forderte ihn auf, dies zu unterlassen. Der Unbekannte zog daraufhin seine Hand zurück. Die Jugendliche stieg an der Haltestelle am Bahnhof Datteln aus.

Leitstelle kann in den Bus hineinhören

Sie hat offenbar weder andere Fahrgäste noch den Fahrer um Hilfe gebeten – möglicherweise, weil ihr die Situation unangenehm war und sie nur weg wollte. Noch am Nachmittag desselben Tages hat sie bei der Polizei Anzeige erstattet.

Van Bürk ermuntert Fahrgäste, die sich belästigt fühlen, den Fahrer zu informieren. Er könne zum einen die Polizei und zum anderen das Präventionsteam der Vestischen verständigen.

Unternehmenssprecher Christoph van Bürk © privat © privat

Der Busfahrer hat eine Ereignistaste. Durch das Auslösen wird die Aufzeichnung der Videokamera 15 Minuten vor und nach Drücken der Taste gesichert. Außerdem stellt er damit sofort Kontakt zur Einsatzzentrale her. Es gibt auch eine Überfalltaste. Wird die gedrückt, kann die Leitstelle mit in den Bus hinein hören und auch sehen, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Die Leitstelle kann dann über weitere Maßnahmen entscheiden.

Präventionsteams sollen deeskalierend wirken

Im Fall der Fälle schickt die Leitstelle ein Präventionsteam. Es kann jederzeit in weniger als zehn Minuten am Einsatzort sein. Die Teams steigen dann zu, fahren erst einmal mit, beobachten die Situation, zeigen Präsenz und führen beispielsweise eine Fahrkartenkontrolle durch. „Das entschärft oft schon die Situation“, sagt van Bürk. Seit zweieinhalb Jahren setzt das Verkehrsunternehmen solche Präventionsteams ein. Sie bestehen aus einem Fahrer/einer Fahrerin und zwei Mitarbeitern eines Sicherheitsdienstes.

Wie häufig Fahrgäste Opfer sexualisierter Gewalt werden – darüber macht die Vestische keine Angaben. „Wir kennen die Zahlen“, sagt der Unternehmenssprecher. Sie hielten sich in Grenzen, auch wenn jede einzelne Tat eine zu viel sei. „Der Bus ist gewiss kein Angstraum“, unterstreicht van Bürk.

Sollten Fahrgäste, die andere belästigen oder gewalttätig sind, daran gehindert werden, den Bus zu verlassen? „Auf keinen Fall“, warnt der Unternehmenssprecher. Fahrer wüssten, dass sie die Türen nicht schließen dürfen. Dadurch verhindern sie, dass eine Situation möglicherweise außer Kontrolle gerät. Alle zwei Jahre durchlaufen die Fahrer ein Interventions- und Sicherheitstraining, um in Situationen, die aus dem Ruder zu laufen drohen, angemessen zu reagieren.

Busfahrer sind keine Ordnungskräfte

Van Bürk macht aber auch deutlich, dass die Fahrer nicht zugleich Sicherheitskräfte seien. Sie hätten die Pflicht, sich zur Sicherheit aller Fahrgäste auf den Straßenverkehr zu konzentrieren. Dass mitunter eine andere Erwartung bestehe, habe Corona gezeigt: „Da glaubte der eine oder andere, dass unsere Fahrer Maskenverweigerer bekehren und so lange nicht weiterfahren sollten, bis die eine aufziehen. Aber das ist nicht deren Kernaufgabe.“

In den Bussen sind mindestens vier Kameras installiert. © vestische © vestische

Im Übrigen darf das Verkehrsunternehmen Videoaufnahmen nicht so ohne Weiteres aushändigen, auch nicht an Ermittlungsbehörden. Es besteht ein sehr enger datenschutzrechtlicher Rahmen. Bilder werden erst nach Rücksprache mit Betriebsrat, Betriebsleiter und Revisor freigegeben. Keiner von ihnen verfügt über alleinigen Zugriff auf die Aufzeichnungen, das Passwort wird geteilt. In den Gelenkbussen sind sieben Kameras angebracht, in den kleineren Fahrzeugen vier. Alle 242 Fahrzeuge der Vestischen sind mit dieser Technik ausgestattet, bei den Fremdunternehmen, die in deren Auftrag fahren, sind es etwa die Hälfte der 130 Busse. Unternehmer, die neue Fahrzeuge kaufen, sind verpflichtet, Videokameras einbauen zu lassen.

Polizei sucht Zeugen

Der unbekannte Mann kann wie folgt beschrieben werden: Mitte bis Ende 30, etwa 1,60 m groß, stabile Figur, Glatze, braune Augen, blaue Fleece-Jacke, blaue Jeans, medizinischer Mund- und Nasenschutz, er sprach akzentfreies Deutsch. Die Polizei sucht Zeugen, die Angaben zu dem Unbekannten machen können. Hinweise nimmt das zuständige Kriminalkommissariat unter der 0800 2361 111 entgegen

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