Politik diskutiert

Keine Lösung für das Schulproblem: Müssen die Kinder weiter pendeln?

Das Verbot der Bezirksregierung Münster, in Datteln eine vierte Realschulklasse an den Start zu bringen, sorgt in der Politik für Unverständnis. Doch es gibt noch eine größere Baustelle.
Der Neubau der Wolfhelm-Gesamtschule ist in den letzten Zügen. Zum neuen Schuljahr soll die neue Heimat für den Standort Datteln eröffnet werden. © Sebastian Balint

In ratlose und wütende Gesichter aus Politik, Bildung, Sport und Kultur blickte Frank Bernhard, Leiter der städtischen Realschule, am Donnerstagabend im zuständigen Fachausschuss. Gerade hatte er seine missliche Lage in einem mündlichen Bericht vorgestellt. Die Realschule hatte eine vierte Fünferklasse zum neuen Schuljahr an den Start bringen wollen, um 14 Kindern, die sonst abgelehnt werden müssten, einen Schulplatz in Datteln zu ermöglichen. Die Bezirksregierung in Münster lehnt dieses Vorhaben vehement ab.

Es folgten emotionale politische Diskussionen zur vierten Realschulklasse. Was die Parteivertreter aber gänzlich unter den Tisch fallen ließen, ist die Kernaussage von Frank Bernhards Statement: „Sie haben eine Gesamtschule und dachten, sie haben alles abgedeckt. Aber das klappt nicht.“ Mit Gymnasium, Realschule und der Wolfhelm-Gesamtschule werde das Ziel, allen Dattelner Kindern in der eigenen Stadt einen Schulplatz anzubieten, nicht möglich sein, lautet sein vernichtendes Urteil. „Dann bleiben noch wir. Wir sind eine Realschule und würden es gerne bleiben“, fügt Bernhard hinzu.

Der Zug ist für die Schüler abgefahren – doch die Politik diskutiert weiter

Doch Wirkung zeigten seine deutlichen Worte nicht. Schnell schlug die Diskussion wieder in Richtung Realschulklasse um, ohne ein Wort über das Ungleichgewicht der Dattelner Schullandschaft zu verlieren. Und das, obwohl Dirk Franke und Peter Wenzel aus der Verwaltung mehrmals verkünden mussten, dass der Zug für besagte 14 Schüler bereits abgefahren sei. Die meisten von ihnen hätten Plätze in den Nachbarstädten gefunden, vier Familien versuchen noch, gegen die Ablehnung an der Realschule zu klagen. Die Verfahren würden derzeit bei der Bezirksregierung Münster liegen, erklärte Frank Bernhard.

Umstimmen ließ sich die Bezirksregierung sowieso nicht, meldeten die Verwaltungsvertreter und Frank Bernhard. Auch nicht durch ein persönliches Anschreiben von Bürgermeister André Dora (SPD) an Regierungspräsidentin Dorothee Feller. In dem Anschreiben, das der Dattelner Morgenpost vorliegt, schildert Dora die missliche Lage und erklärt, dass Wille und Kapazitäten für eine weitere Klasse an der Realschule vorhanden seien. „Die zusammengefasste Antwort lautete, dass die Regierungspräsidentin den Schulfrieden über den Stadtgrenzen hinaus im Blick haben müsse“, erklärte Beigeordneter Dirk Franke den Partei- und Fachvertretern. Bedeutet: Wenn die Realschule in Datteln eine vierte Klasse an den Start bringt, schwächt das die Gesamtschule Suderwich im Recklinghäuser Osten, meint die Bezirksregierung.

Schließung der Gesamtschule Suderwich hätte negative Folgen für Datteln

Denn dort seien die Anmeldezahlen ohnehin sinkend. Und wenn die Gesamtschule Suderwich dicht macht, hat das auch Folgen für die Dattelner Realschule. Wie Frank Bernhard erklärt, ist die Schule ein Hauptziel für Schüler, die nach der Erprobungsstufe, also nach Klasse 6, wieder „abgeschult“ werden – die also Probleme auf der Realschule haben und lieber auf Haupt- oder Gesamtschule wechseln. „Das ist eine Zwickmühle, in die wir da gesetzt werden“, resümiert Bernhard, „ich weiß nicht, wie viel Wahrheit in dieser Drohung der Gesamtschulschließung steckt.“ An der Dattelner Wolfhelm-Gesamtschule kriegt er die Abgänger jedenfalls nicht unter. Die Klassen sind in jedem Jahrgang voll, vereinzelte freie Plätze durch zum Beispiel Wegzug seien schnell wieder vergeben.

In den politischen Lagern sorgten diese Ausführungen für Empörung – allerdings nur in Bezug auf die vierte Klasse und der Ablehnung aus Münster. Grünen-Ratsmitglied Marco Zerwas, der Gymnasiallehrer in Recklinghausen ist, machte seinem Ärger Luft. „Das ist eine Farce! Wenn wir die Kinder nicht in Datteln unterbringen können, sind die Bemühungen des letzten Rates umsonst gewesen.“ Von einer vierten Klasse einer Realschule in Datteln sei noch keine Schule geschlossen worden, tobte er. Er forderte, das Anliegen bis zur letzten Konsequenz zu verfolgen. Dirk Franke konnte dabei nicht zustimmen: „Wir können es nicht einfach machen. Das ist eine Weisung einer oberen Behörde, sich zu verweigern hätte Sanktionen zur Folge.“

Ausschussvorsitzender Ulrich Vortmann (SPD), CDU-Vertreter Rainer Sträterhoff und Zerwas einigten sich, einen „Brandbrief“, wie Vortmann es nannte, nach Münster zu schicken. „Es geht um unsere Kinder, die jetzt auch nachmittags zur Schule gehen und dann noch eine Stunde am Tag im Bus sitzen sollen“, sagte der Vorsitzende.

Problem könnte sich in den nächsten Jahren von alleine lösen

Im Schuljahr 2022/23 könnte sich das Problem der Vierzügigkeit an der Realschule derweil von alleine lösen. Die Prognosen für die Anmeldungen seien so hoch, dass mit einer vierten Realschulklasse im Fünferjahrgang gerechnet werde, sagte Dirk Franke. Auch Gymnasium-Schulleiterin Regina Brautmeier hätte gerne eine vierte Klasse an den Start gebracht. Sie liege bei den Anmeldungen genau einen Schüler unter der Grenze und bekam auch keinen Zuschlag aus Münster. Doch die Probleme an Realschule und Gymnasium werden wohl noch größer: Es wird mit einer Vielzahl an Schülern gerechnet, die die fünfte Klasse nach dem „Corona-Schuljahr“ wiederholen.

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