Der Wochenkommentar

Festtag für die Demokratie: Ein Sonntag im Wahllokal

Schon jetzt ist sicher, dass mehr Bürger als bei den vorherigen Wahlen ihre Stimme schon vor dem eigentlichen Wahltermin abgeben werden. Was das für das Ergebnis bedeuten kann.
Jörn Tüffers ist Ressortleiter Ostvest. © privat

Diese Geschichte habe ich diese Woche schon einem Freund erzählt. Also teile ich sie auch mit Ihnen. Als ich ein Kind war, da waren Wahl-Sonntage wahre Festtage. Mein Vater trug einen Anzug mit Krawatte (das ist das, was Männer sich früher um den Hals banden, als sie noch keine CEOs waren), meine Mutter ein geblümtes Kleid – und wir machten einen Sonntagsspaziergang zum Wahllokal.

Auch wenn ich klein war, wusste ich, dass es etwas Feierliches, etwas von enormer Wichtigkeit und Trageweite sein musste. Daher war ich ein wenig enttäuscht, dass meine Eltern nach so kurzer Zeit wieder aus dem Schulgebäude herauskamen. Als ich dann endlich 18 war und zum ersten Mal wählen durfte, wurde mir aus eigenem Erleben klar, was Demokratie bedeutet und welch hohes Gut es ist, die Wahl zu haben: eine offene und geheime Wahl.

Champions League für Journalisten

Daher freue ich mich auf den 26. September – natürlich als Berichterstatter, denn Wahlsonntage sind so etwas wie die Champions League für Journalisten, aber auch als Bürger: weil ich die Gelegenheit habe mitzuentscheiden, wer unser Land in den kommenden vier Jahren regieren wird; und weil ich wie bei allen vorherigen Wahlen meine Stimme im Wahllokal abgeben werde (ohne mir eine Krawatte zu binden).

Und dies, obwohl die Wahl schon längst begonnen hat. Überall läuft schon die Briefwahl, beziehungsweise, es werden die dafür nötigen Unterlagen verschickt. Wie wir in dieser Woche berichtet haben, setzt sich in Datteln, Waltrop und Oer-Erkenschwick ein Trend fort: Die Nachfrage nach der Briefwahl steigt. Vielerorts gibt es bereits jetzt so viele Anträge wie Briefwähler bei der letzten Bundestagswahl insgesamt.

Was es für die Wahlbeteiligung bedeutet

Was bedeutet dies? Rein praktisch, dass offenbar ein größerer Anteil Wähler den Gang ins Wahlbüro scheut – möglicherweise immer noch unter dem Eindruck von Corona. Heißt es auch, dass die Wahlbeteiligung höher sein wird als bei letzten Wahlen? Das muss nicht unbedingt so sein, vielleicht handelt es sich bloß um eine Verschiebung.

Wir werden geduldig sein müssen am Wahlabend. Denn die Briefwahlstimmen auszuzählen, dauert erfahrungsgemäß länger, als die Ergebnisse aus den einzelnen Wahlbezirken zusammenzutragen. Während bei der direkten Stimmabgabe der Umschlag mit dem Stimmzettel nur zugeklappt wird, muss bei der Briefwahl das Kuvert mit dem sensiblen Inhalt zugeklebt werden.

Früher hieß es mal Bürgerpflicht

Bei dem engen Rennen, vermutlich zwischen CDU und SPD, das sich abzeichnet, könnte es also bis zum letzten Briefwahlbezirk irgendwo in Thüringen oder Schleswig-Holstein spannend bleiben.

Ich jedenfalls werde noch drei Wochen aufmerksam verfolgen, wie sich die Parteien und ihre Kandidaten präsentieren. Erst dann wähle ich. Früher hieß das mal Bürgerpflicht.

Der Abend in Datteln

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.