Bereitschaftspflege

Ehepaar schenkt Kindern Geborgenheit

Seit 20 Jahren nehmen Karin Ahmann-Seiler (60) und Hans-Georg Seiler (62) Kinder im Rahmen der Bereitschaftspflege bei sich auf. Dabei handelt es sich immer um Akutfälle.
Julia Szepan vom Pflegekinderdienst im AWO-Familienbüro Süd ist stolz auf die Pflegeeltern Karin Ahmann-Seiler und Hans-Georg Seiler, die mit Leib und Seele Familienmenschen sind und das auch immer an ihre Pflegekinder weitergeben. © Martin Pyplatz

Acht Monate alt ist die kleine Katja. Sie lacht, schaut neugierig umher, klimpert ein wenig mit den Augen und hat in nur wenigen Sekunden alle Personen an dem großen Tisch im Keller des städtischen Familienbüros an der Castroper Straße im Süden der Stadt verzaubert. Aufrecht, aber stets in Bewegung, sitzt sie auf dem Schoß von Karin Ahmann-Seiler (60).

Die gelernte Erzieherin hält der Kleinen eine rosafarbene Trinkflasche hin. Katja greift fest zu und nuckelt zufrieden ein paar Schluck Wasser. Was aussieht wie das perfekte Familienglück, ist nur von kurzer Dauer. Denn schon bald wird Katja nicht mehr auf dem Schoß von Karin Ahmann-Seiler sitzen. Katja ist ein Pflegekind und lebt seit sieben Monaten im Rahmen der Bereitschaftspflege bei Familie Ahmann-Seiler. Und diese Kinder bleiben oft nur wenige Tage bei den Pflegeeltern. Bis dahin werde sie aber all die Liebe und Zuneigung der Familie bekommen, die sie braucht, verspricht Hans-Georg Seiler (62).

Das erste Pflegekind kam vor 20 Jahren in die Familie

Vor 20 Jahren hatte sich das Paar dafür entschieden, Kinder im Rahmen der Bereitschaftspflege bei sich aufzunehmen. Die gebürtigen Dattelner zogen damals aus der Nachbarstadt Oer-Erkenschwick gemeinsam mit ihren Kindern zurück in ihre alte Heimat. Sie hatten hier ein schönes Häuschen für ihre Familie gefunden. „Ich kannte die Verkäuferin, sie war, so wie ich, Erzieherin“, erinnert sich Karin Ahmann-Seiler. Und die habe sie dann gefragt, ob sie sich vorstellen könne, Pflegekinder aufzunehmen. „Ich bin mir gar nicht sicher, ob das damals nicht nur ein Scherz war“, sagt Karin Ahmann-Seiler. Doch dem Ehepaar gefiel die Idee, entsprach sie doch ganz ihrer sozialen Einstellung, einen sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.

Das Paar nahm zum zuständigen Jugendamt in Datteln Kontakt auf. „Und da muss man wirklich alles offenlegen“, berichtet der pensionierte Bundespolizist Hans-Georg Seiler. „Da geht es um sehr persönliche Sachen.“ Doch das Paar bleibt am Ball und nimmt an diversen Schulungen und Lehrgängen teil. Anschließend – so hieß es damals – würde es aber Monate dauern, bis das erste Kind bei der Familie untergebracht werden könnte. „Von wegen“, winkt Hans-Georg Seiler ab. Seit den Schulungen war nicht viel Zeit vergangen, als „an einem Freitagabend das Telefon klingelte“, sagt Hans-Georg Seiler. Und gleich der erste Fall sei eine Herausforderung für die gesamte Familie gewesen.

Einschneidendes Erlebnis kann Entscheidung nicht beeinflussen

Ein zwölfjähriges Mädchen wurde der Familie zugeteilt. „Sie sprach nur russisch und konnte kein Wort Deutsch“, erinnert sich Karin Ahmann-Seiler. „Es war kein Dolmetscher zur Hand und so konnte ihr niemand erklären, warum sie bei uns und nicht bei ihrer Mutter ist.“ Die leibliche Mutter soll psychisch krank gewesen sein und in eine Klinik eingeliefert worden sein.

Familie Ahmann-Seiler schafft es dennoch, in den wenigen Tagen, die das Mädchen bei ihnen war, eine Beziehung zu dem Kind aufzubauen – über ihren Hund. „Wenn er sich an sie kuschelte, huschte ihr wenigstens mal ein Lächeln übers Gesicht“, erinnert sich Karin Ahmann-Seiler. Ein einschneidendes Erlebnis für das Paar, bzw. für die ganze Familie. An ihrer Entscheidung, in der Bereitschaftspflege aktiv zu bleiben hat das jedoch nichts geändert. „Ich war eher an dem Punkt, an dem ich mir dachte ‚Nein! Jetzt erst recht!‘“, erinnert sich Karin Ahmann-Seiler.

Ehepaar hat über 30 Pflegekinder betreut

Dieses Erlebnis habe in der Familie aber zu dem Entschluss geführt, nur noch Kinder bis zu einem Alter von zwei Jahren aufzunehmen. Der Betreuungsaufwand für ein älteres, womöglich pubertierendes Kind sei deutlich höher, beschreibt das Paar seine Erfahrungen. Zwar seien sie zwischenzeitlich noch ein paar Mal von dieser Entscheidung abgerückt, aber das seien nun mal Notfälle gewesen.

Ihnen selbst sei es im Leben immer gut ergangen, sagen sie. Von diesem Glück wollten sie immer etwas weiter geben. Und das ist ihnen in rund 30 Fällen gelungen, in denen sie Kinder im Rahmen der Bereitschaftspflege aufgenommen haben. Bereitschaftspflege, den Begriff müsse man wirklich wörtlich nehmen, sagt Hans-Georg Seiler. „Es kann sein, dass mitten in der Nacht das Telefon klingelt und sich das Jugendamt meldet“, erklärt der ehemalige Bundespolizist. Das könne so kurzfristig passieren, dass sie vorab nur wenig über das Kind erfahren, dass zu ihnen kommen wird.

Dennoch gelingt es ihnen immer aufs Neue, dem Kind in kürzester Zeit das Gefühl zu vermitteln, willkommen zu sein, ein Zuhause zu haben. Trotz aller Schicksalsschläge, die den Kindern widerfahren sein könnten, gehe es am Ende oftmals nur darum, sie in den Arm zu nehmen, ihnen Nähe zu geben – das Gefühl geliebt zu werden.

Auch wenn die Kinder in der Regel nur kurz bei ihnen bleiben, würden sie eine emotionale Bindung eingehen. Und die gehe weit über den Zeitraum der eigentlichen Betreuung hinaus. „Wir haben bis heute Kontakt zu allen Kindern, die wir betreut haben“, sagt Karin Ahmann-Seiler. „Und zu sehen, was aus ihnen geworden ist, das macht uns schon glücklich uns stolz“, ergänzt ihr Ehemann.

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