Mauerbau vor 60 Jahren

Der Hüter der Geschichte(n)

Am 13. August 1961 wurde die deutsche Teilung mit dem Bau der Mauer im wahrsten Sinne des Wortes zementiert. 28 Jahre später ist Rainer Berkenhoff zur Stelle, als die Mauer wieder fällt.
Friedrich Diedrich (66) kommt gar nicht mehr aus dem Staunen heraus. Rainer Berkenhoff (60) hat zu jedem seiner unzähligen Ausstellungsstücke nicht nur technische und historische Daten auf Lager. © Sebastian Balint

Dass manch einer ihn als komischen Kauz bezeichnet, das juckt Rainer Berkenhoff nicht die Bohne. „Die Leute sagen immer ‚Ach, der Berkenhoff wieder mit seine Radios. Wat will der mit die Scheiße?‘“, berichtet er. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Geschichte und Geschichten bewahren. Zum Beispiel für Friedrich Diedrich (66). Dessen Eltern waren 1955 aus der DDR geflohen – fünf Jahre vor dem Mauerbau.

Diedrich ist gebürtiger Dortmunder. 1984 machte er sich der Arbeit wegen auf nach Stuttgart. Der gelernte Autolackierer hatte sich zuvor bei diversen Herstellern, wie etwa Bentley, Ferrari und Porsche beworben. Doch bei Ferrari habe man ihm geantwortet, dass man nur Italiener einstellen wolle. Dafür meldeten sich die Stuttgarter. „Drei Tage musste ich Probearbeiten“, erinnert er sich. „Dann war alles klar.“ 37 Jahre bleibt er im Unternehmen, das in dieser Zeit eine regelrechte Berg- und Talfahrt durchlebte.

Mit dem Opel nach Datteln

Von Rainer Berkenhoffs Radio- und Fernsehmuseum hat Friedrich Diedrich über einen Freund erfahren, der in Castrop-Rauxel lebt. „Er berichtete mir von einer sagenhaften Sammlung“, erzählt er. Also habe er Kontakt zu Berkenhoff aufgenommen und der habe ihn direkt zu sich eingeladen. Gesagt getan, Friedrich Diedrich packt die Koffer, steigt in seinen Opel Ascona Cabriolet und macht sich auf den Weg nach Datteln.

Nur 50 Stück wurden von diesem Opel Ascona 2.2i gebaut. Friedrich Diedrich besitzt die Nummer 47. © Sebastian Balint © Sebastian Balint

In der Kanalstadt angekommen erkennt er schon auf dem Hof von Rainer Berkenhoff, dass es sich um einen besonderen Ort handeln muss. Denn neben einem rotbraunen Chevrolet steht dort unter anderem ein altes DKW Cabriolet und der berühmte goldene Trabi von Rainer Berkenhoff.

Rainer Berkenhoff in seinem alten DKW Cabriolet. © Sebastian Balint © Sebastian Balint

Mit dem sei er sogar schon in dem ein oder anderen Spielfilm zu sehen gewesen, berichtet er stolz. „So, jetzt geht’s aber los“, kündigt er gleich darauf an, „jetzt beginnt die eigentliche Führung.“ Der 60-Jährige zückt fast schon theatralisch den Schlüsselbund, um die Tür zu seinem Privatmuseum zu öffnen.

Und schon im Treppenhaus macht er den ersten Stopp, um eine alte Spieluhr anzuwerfen. Die Melodie, die kurz darauf erklingt, wird mittels einer Metallscheibe abgespielt. Diedrich ist hin und weg. Doch Berkenhoff winkt ab. „Ja, das ist ja erst der Anfang. Dann pass mal auf, was jetzt noch kommt.“ Er deutet noch auf ein paar Radios, die auf Regalbrettern an den Wänden des Treppenhauses aufgestellt sind. „Alle funktionstüchtig“, sagt er. „Und jetzt pass auf.“

Museumschef erzählt gerne Geschichten

Rainer Berkenhoff öffnet die Tür zu einem seiner Ausstellungszimmer. Der erste Anblick erschlägt Friedrich Diedrich beinahe. „Man“, ruft er anerkennend aus und schaut ungläubig umher. Keine Ecke, in der es nicht etwas zu entdecken gibt. Dass Rainer Berkenhoff die Rolle des Museumsführers und Erzählers liegt, das ist offensichtlich. Denn er legt gleich los. Drückt Knöpfe, zieht Hebel, verschiebt Regler oder dreht Schalter. Und immer wenn er das tut, erklingt Musik, sind alte politische Reden zu hören oder flimmert eine TV-Sendung aus längst vergangenen Tagen über einen der vielen Bildschirme.

Wenn Rainer Berkenhoff (r.) auf die Knöpfe der Geräte in seinem Museum drückt, beginnt eine hör- und sichtbare Zeitreise. © Sebastian Balint © Sebastian Balint

„Wie biste denn an die ganzen Geräte ran gekommen“, will Museumsbesucher Friedrich Diedrich wissen. „Wie die Jungfrau zum Kinde“, kichert Berkenhoff. „Nee im Ernst. Ich war oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Etwa als 1989 die Mauer fiel. „Da habe ich sofort gewusst: Rainer, da musste hin.“ Also habe er sich auf den Weg gemacht und geschaut, was noch zu retten ist, bevor geschichtsträchtige Erinnerungsstücke auf nimmer Wiedersehen im Müll landen.

Sammler genießt einen guten Ruf

„Na, die hatten ja erstmal die Schnauze voll von ihrem DDR-Kram“, erinnert sich Berkenhoff. Also habe er die Gunst der Stunde ergriffen und gerettet, was zu retten war. Immer wieder besucht er in den Folgejahren die Bundesländer im Osten. Er habe dort einen guten Namen, sagt er. Oft werde er von wildfremden Menschen angerufen, die ihm verraten, wo sich noch alte Schätze verstecken.

Eine alte Fernsehtruhe aus der ehemaligen DDR ist eine der vielen Besonderheiten in Rainer Berkenhoffs Museum. „Das Teil stand in einer Scheune irgendwo im Schwarzwald“, berichtet er. „Völlig kaputt. Da musst ich richtig Arbeit reinstecken.“ Wenig später flimmern bewegte Bilder über das Gerät. „Aber das konnte sich doch in der DDR niemand leisten“, merkt Friedrich Diedrich an. „Das war doch für die oberen Herren.“ Berkenhoff nickt. „Ja sicher. Ich gehe auch davon aus, dass nur ganz wenige von den Geräten gebaut wurden.“

Diese DDR-Fernsehtruhe konnte sich wohl kein normal sterblicher DDR-Bürger leisten, davon ist Rainer Berkenhoff überzeugt. © Sebastian Balint © Sebastian Balint

Eine Fernbedienung aus Fensterhebern

Im selben Raum steht auch noch ein Radiogerät aus der ehemaligen DDR. „Mit Fernsteuerung“, sagt Berkenhoff und hebt mahnend den Zeigefinger. Diedrich ist beeindruckt, stutzt aber plötzlich. „Moment mal“, sagt er, „Das sind doch Fensterheber von einem Renault.“ Berkenhoff lacht auf. „Ja! Die Burschen wussten sich halt zu helfen. Die haben alles verbaut. Die wussten noch wie’s geht.“

Dann präsentiert er dem weit gereisten Besucher noch seine kleine Werkstatt. „Ja, sieht chaotisch aus“, winkt Rainer Berkenhoff ab, um dann flüsternd die Führung zu beenden. „Aber das ist der Ort, an dem wir der Geschichte wieder Leben einhauchen.“

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