Kolumne

Auge in Auge mit einem Eichhörnchen

Unsere Autorin Martina Bialas macht sich jede Woche Gedanken über „Gott und die Welt“. Dieses Mal geht es um einen neugierigen, aber ungebetenen Geburtstagsgast.
Martina Bialas schreibt jede Woche in ihrer Kolumne über "Gott und die Welt". © Christian Vieler-Kircher

„Wir sollten beide nichts Unüberlegtes tun“, sage ich zu meinem Gegenüber, das urplötzlich vor mir steht. Ich versuche es mit meinen Augen magisch zu fixieren, seine rollen dagegen wild hin und her. Ich trete nervös mit meinen Beinen von rechts nach links, aber mein augenscheinlicher Gegner bleibt im Gegensatz zu mir cool in der Terrassentür stehen.

Tom Cruise hätte jetzt in „Mission: impossible“ genau gewusst, was zu tun ist. Ich bin aber keine Geheimagentin, ich bin lediglich ein relaxter Gastgeber, der gerade nach seinem gelungenen Geburtstagsessen den Tisch abräumt.

Mit Buttercremeflöckchen nach ungebetenen Gästen zu werfen, hat noch nie etwas gebracht. Zumindest nicht in der Realität. Ich hole tief Luft und trete einen energischen Schritt nach vorne, der Gegner ist nicht einzuschüchtern. „Wenn du dich umdrehst, wirst du sehen, dass das Terrassenleben viel spannender ist“, versuche ich zu locken.

Aber das Eichhörnchen beharrt auf Besuchsrecht in meinem Heim. Wilde Szenarien gehen mir durch den Kopf: Wie fängt man ein Eichhörnchen in der Wohnung? Nein, es darf nicht über diese Schwelle treten. Aber die ist groß, und jede Unachtsamkeit könnte das Tier in die falsche Richtung lenken.

Eichhörnchen vermehren sich in rasantem Tempo

Kennen Sie den wunderbaren Film „Eine schöne Bescherung“? Diese herrlich amüsanten Szenarien mit der Familie Griswold, deren Fest völlig aus den Fugen gerät? Unter anderem, weil ein im Weihnachtsbaum lebendes Eichhörnchen die gesamte Wohnung verwüstet. Und meine Geburtstagsbescherung soll auf keinen Fall so enden.

Meine Zimmerlinde hat diesen Film nicht gesehen, aber ihre Blätter ziehen sich zurück und ich spüre ihre Panikgedanken, der Feind könne in sie hineinhüpfen. Ich mag diese possierlichen Tiere, aber sie vermehren sich in Datteln in rasender Geschwindigkeit und werden immer zutraulicher. Ich werfe nun doch einen größeren Kuchenkrümel über das Tier hinweg auf die Terrasse, um sein Interesse vom Eingangsbereich abzulenken. Gelangweilt dreht es sich um, und dann wieder sofort zu mir zurück.

Das Tier entschwindet, ich aber nicht

Ich bin ratlos, bis mir die Tüte mit den Nüssen in der Küche einfällt. Aber meinen Bewachungsposten verlassen, das Tier aus den Augen verlieren, mit dem Angebot zurückkehren und es ist weg? Und ich weiß nicht, ob es den Rücktritt angetreten oder sich in meiner Wohnung versteckt hat, um mich nachts im Schlaf zu überfallen?

Ich hole tief Luft, ich habe noch eine andere Chance. Ich verwandle meinen glockenklaren Sopran in einen tiefen Bass und zitiere Tom Cruise laut aus seinem Film Jack Reacher: „Es wird Zeit, dass wir aufhören wegzulaufen und anfangen zu jagen.“ Das wirkt, das Tier dreht sich um und entschwindet. Ich entschwinde nicht, ich sage: „Bis nächsten Mittwoch!“.

Der Abend in Datteln

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