Kolumne

Aufhören, wenn es am schönsten ist

Manchmal ergeben sich besondere Beziehungen im Leben. Und manchmal wird man von ihnen eine Zeit lang begleitet.
Schreibt heute ihre letzte Kolumne: Martina Bialas. © Christian Vieler-Kircher

Ich habe vor drei Jahren ein Kaffeeservice meiner ehemaligen Erziehungsberechtigten auf einer Online-Verkaufsplattform eingestellt, nachdem ich ihr versichert hatte, dass ich es nicht erben möchte. Es dauerte nicht lange und ein Unbekannter bekundete sein Interesse an diesen 43 edlen englischen Porzellanteilchen. Die Summe, die er schriftlich bot, lehnte ich mit hochgezogenen Augenbrauen ebenfalls schriftlich ab. Meine Ablehnung interessierte ihn weniger, einige Wochen später toppte er sein Angebot mit einer Zahl, die er noch tiefer im Keller ansiedelte.

Ein unterirdisches Sümmchen

Mein verächtliches Schnauben konnte er nicht vernehmen und ich ließ desinteressiert das Angebot kommentarlos verfallen. Das ließ er nicht gelten und er brachte ein neues, unterirdisches Sümmchen ins Spiel. Ich nahm die Herausforderung an, addierte alle seine gebotenen Summen zu einer und erhöhte meine Vorstellung genau um diese Einheit.

Trügerische Ruhe im Karton

Ich konnte mir gut sein Schnaufen vorstellen und es herrschte eine trügerische Ruhe im Karton. Egal, mit welchen neuen, nicht akzeptablen finanziellen Ideen er auftauchte, ich blieb standhaft wie eine biegsame Kokospalme im Sturm. Seine spontanen virtuellen Einmischungen in meinem Leben quittierte ich mit einem Seufzen: „Der schon wieder!“

Denken stellt sich als Irrtum heraus

Der gab aber nicht auf und meine Erziehungsberechtigte, welcher ich über die Angebote berichtete, drohte einzuknicken. „Niemals bekommt er das Kaffeeservice, dann möchte ich es doch erben“, lautete meine Durchhalteparole. In diesem Jahr dachte ich, ich sei ihn endlich losgeworden, weil er sich lange in Schweigen hüllte und das Service wenig umworben durch das Netz dümpelte. Am vergangenen Freitag stellte sich mein Denken als Irrtum heraus, er war zurück und schrieb mir nur eine Zahl, genau die, welche von Anfang an meinen Vorstellungen entsprochen hatte. „Weltfrieden“, dachte ich, packte alles ein und schickte es ihm zu. „Das hat doch gut geklappt“, sagte meine Mutter und bat mich, jetzt das passende Ess-Service einzustellen, vielleicht könnte ich auch hier sein Interesse wecken. Ich schluckte und beschloss, ein braves „Kind“ zu sein.

Aufhören, wenn es am schönsten ist

Wir, liebe Leser, haben auch eine besondere Beziehung geführt. Über zwölf Jahre sind wir an jedem Mittwoch zusammengetroffen und Sie haben das Angebot angenommen, meine Gedanken, Ansichten, Ideen und Erlebnisse zu lesen. Ich habe mich über jede Ihrer Anmerkungen gefreut. Das heute ist meine letzte Kolumne, ich habe sie mit einem weinenden und lachenden Auge geschrieben. Aber man soll aufhören, wenn es am schönsten ist und sich neuen Herausforderungen stellen. Und ich möchte noch viel schreiben. Auf Wiederlesen!

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