Borussia Dortmund

BVB-Sportdirektor Michael Zorc: „Nur mit kämpfen gewinnst du am Ende nichts“

BVB-Sportdirektor Michael Zorc in Plauderlaune - der Ur-Borusse spricht ausführlich über Fußball im Ruhrgebiet, Aki Watzke und bricht eine Lanze für Berater Mino Raiola.
Als seinen besten Transfer bezeichnet Michael Zorc nicht die Verpflichtung eines Spielers. © picture alliance/dpa

Michael Zorc ist seit 1978 beim BVB. Erst als Jugendspieler, dann Profi, nach seiner aktiven Karriere fungiert er als Sportdirektor. Selten äußert sich der geschäftige Dortmunder ausführlich zu aktuellen und vergangenen Themen. Nun hat Zorc, der am 25. August 60 Jahre alt wird und nach dieser Saison seinen Sportdirektor-Posten an Sebastian Kehl übergibt, im WDR2-Podcast „Einfach Fußball“ mit Sven Pistor auf seine lange schwarzgelbe Karriere zurückgeblickt. Dabei geht es auch um die schwierige Zeit, als der BVB nach dem Gewinn der Meisterschaft 2002 in großen finanziellen Schwierigkeiten steckte, Spielerberater Mino Raiola, Jürgen Klopp und seine Lieblingsfarbe – die weder Schwarz noch Gelb ist.

Das sagt BVB-Sportdirektor Michael Zorc über…

…den Transfermarkt: Im Moment ist es nicht ganz so trubelig, wie es in den Vorjahren der Fall war. Ich glaube, die Gründe sind auch allgemein bekannt. Zum Großteil natürlich auch Corona und der Pandemie geschuldet, sodass der Transfermarkt in diesem Jahr doch deutlich ruhiger ist als in den Jahren zuvor und im Prinzip die Vereine nur das nötigste umsetzen und schauen, wo sie sparen können.

…seine Hobbys: Das Motorradfahren war lange Zeit wirklich mein Hobby. Ich habe heute noch eine Maschine, und wenn es die Zeit erlaubt, setze ich mich da drauf. Ich bin aber so ein reiner Schönwetter- und Hobby-Fahrer.

…seine Maschine: Ich habe noch mein zweites Motorrad, Baujahr ´93, das ist so ein Naked-Bike, Honda Sevenfifty CB. Und die fahre ich immer noch. Die hat auch noch gar nicht viele Kilometer weg, weil die Sonne scheinen muss, sonst setze ich mich nicht drauf.

…Ex-BVB-Coach Peter Stöger: Der hat bei uns auch Punkte geholt. Er ist ja innerhalb der Saison gekommen, wir waren, glaube ich, auf Tabellenplatz acht damals und sind am Ende – wenn auch, wenn ich das so sagen darf über den Sender – mit brennendem Arsch in die Champions League gekommen und sind dann am letzten Spieltag noch Vierter geworden.

…seine Aussage gegenüber den Ruhr Nachrichten, „bei Platz fünf bekomme ich schlechte Laune“: Das ist so. Das ist natürlich der Gesamtsituation, vor allem natürlich der sportlichen Situation und der Erwartungshaltung hier in Dortmund geschuldet. Das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber wir sehen uns schon als Champions-League-Klub, der auch dort seine Visitenkarte so gut wie möglich abgeben sollte. Das klappt ja auch meistens und das war in der letzten Saison dann doch in Gefahr, das muss man wirklich sagen. Wir waren mehrere Monate nicht auf den ersten vier Plätzen und da hat man hier bei uns in der Geschäftsstelle nicht ganz so gute Laune. Das fängt bei Aki Watzke an und geht dann zu mir und überträgt sich dann so ein bisschen weiter.

…Zweck-Pessimismus bei BVB-Präsident Aki Watzke: Das ist grausam. Wenn seine Vorhersagen eingetreten wären in den letzten zehn Jahren, dann würden wir heute diesen Podcast nicht machen, weil ich wahrscheinlich irgendwo in der dritten Liga arbeiten würde. Wahrscheinlich ist es Zweck-Pessimismus, damit er am Ende nach einem Spiel nicht negativ überrascht werden kann. Dann kann er hinterher sagen: ‚Ich hab‘s vorher gesagt‘. Das ist auch ein guter Kontra-Indikator, bei mir gehen die Antennen immer hoch, wenn er vor dem Spiel sehr positiv eingestellt ist.

…die Stimmung in Konferenzen mit Watzke: Das ist wirklich ziemlich ergebnisabhängig. Und das ändert sich bei uns ja mindestens alle sieben Tage, meistens sogar alle drei Tage.

…die Art Fußball, die im Ruhrgebiet gespielt wird: Wir müssen natürlich eine gewisse Art von Fußball, ich glaube, die möchte man in allen Ruhrgebietsstädten sehen, das ist ein kämpferischer Fußball. Da wird auch mal eine Grätsche in den ersten zehn Reihen der Tribüne vielleicht mehr bejubelt als ein Hackentrick. Aber natürlich hat sich der Fußball insofern gewandelt, wenn die Qualität der Mannschaft steigt und der eine oder andere Star oder sogar Superstar bei uns gespielt hat. Ich gehe mal ganz weit zurück: Amoroso, Rosicky, die haben sich ja nicht dadurch ausgezeichnet, dass die die Linie rauf und runter gelaufen sind und eine Grätsche nach der anderen gefahren haben, sondern, dass sie auch Fußball zelebriert haben. Und das hat auch schon was damit zu tun, wie gut ist die Mannschaft, wie gut ist dein Verein? Wie hoch ist die Erwartungshaltung? Und am Ende kommt es darauf an, eine gesunde Balance zu haben zwischen dem kämpferischen Fußball, attackierenden Fußball, nach vorne orientierten Fußball, aber auch einem guten technischen Fußball, weil es ist leider so: Nur mit kämpfen gewinnst du am Ende auch nichts.


…seinen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro als BVB-Sportdirektor: Ich würde mich schon als typischer Westfale bezeichnen und auch als bodenständig. Das ist ja auch nicht unbedingt ein Makel, gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, wenn man weiß, wo man herkommt, wo die Wurzeln sind und wie man sich ordentlich zu verhalten hat. Wenn man in diesem Fußball-Business ist, dann muss man sich entscheiden, bin ich jetzt purer Romantiker oder will ich erfolgreich sein? Ich versuche, die Dinge so gut wie möglich in Balance zu bringen, aber dafür muss ich auch ab und zu mit den Wölfen heulen und bereit sein, Risiken einzugehen und in Bereiche zu gehen, wo vielleicht der Normalbürger sagt: Boah, das ist jetzt eine Dimension, die kann ich mir gar nicht vorstellen.

…seinen Umgang mit Spielerberatern wie Mino Raiola: In der Tat habe ich mit, ich weiß gar nicht wie vielen, es ist wahrscheinlich eine dreistellige Zahl an verschiedenen Beratern, in den letzten 20 Jahren zu tun gehabt. Ich muss da mal eine Lanze für diesen Mino Raiola brechen. Ich sage das hier auch ganz bewusst, weil da gerne ein doch übertriebenes Bild in den Medien aufgezeigt wird. Die Gespräche, die ich mit ihm geführt habe und die Sachen, die wir gemacht haben, sind durch eine hohe Professionalität gekennzeichnet. Was mir daran imponiert: Du weißt, was du bekommst. Du musst jetzt nicht denken, wenn du in die Gespräche gehst, da ist noch Mutter Theresa mit dabei. Das weiß man vorher. Aber wenn du das weißt, dann kannst du dich sehr gut darauf einstellen und da geht es dann viel um Verlässlichkeit. Da geht es dann viel darum, einen klaren Plan zu haben, Perspektiven aufzuzeigen für deinen Spieler, aber wenn man glaubt, da wird dir am Ende noch Geld geschenkt, dann bist du im falschen Film.

…den Ablauf von Verhandlungen mit Mino Raiola: Er hat meistens noch einen Assistenten dabei. Manchmal ist der Spieler mit dabei. Wir hatten jetzt den Fall bei Erling Haaland bei dem ersten Termin war der Vater von Erling beispielsweise mit dabei, das ist ganz unterschiedlich. Bei uns mache ich es manchmal alleine, manchmal ist Aki Watzke mit dabei und jetzt ist seit einiger Zeit natürlich Sebastian Kehl mit an meiner Seite, weil er ja ab der kommenden Saison diese Position hier übernehmen soll. Deshalb ist er eigentlich bei jedem wichtigen Gespräch jetzt mit dabei und tastet sich so langsam an die Aufgaben heran. Und am Ende erarbeitet man etwas und dann geht es in die jeweiligen Rechtsabteilungen, damit das dann in die jeweiligen formalen Formen gegossen wird.

…seine Lieblingsfarbe: Grün. Man hätte Gelb erwartet, aber ganz früh, schon von Kindheit an, Grün. Das waren auch die Farben vom TuS Eving-Lindenhorst (dort spielte Zorc vor seinem Wechsel in die BVB-Jugend, Anm. d. Red.).


…die Zeit der finanziellen Krise beim BVB kurz nach der Jahrtausendwende, in der er sich eine dickere Haut habe zulegen müssen: Das war ja der Zeitraum 2003, 2004, 2005, 2006, würde ich sagen. Es war eine längere Phase. Wir sind 2002 nochmal Meister geworden, das war die Mannschaft mit Koller, Rosicky, Amoroso, Dede, Sebastian Kehl, haben aber in den Jahren danach die Champions League verpasst und jeder weiß heute, wie wichtig auch die Champions League letztendlich auch für die Wirtschaftlichkeit aller Klubs ist.

Wir waren damals vom Kader her viel, viel zu teuer für das, was wir am Ende eingenommen haben. Jeder kennt das aus seiner privaten Haushaltskasse: Du kannst dann einmal das Konto überziehen und zweimal, doch irgendwann kommt die Rechnung. Und wenn du das zu lange gemacht hast, dann hast du große wirtschaftliche Probleme, und das war bei uns der Fall. Die rührten bei uns auch schon aus den späten 90er-Jahren hervor. Wir haben längere Zeit einfach über unsere Verhältnisse gelebt, ich möchte das mal so relativ einfach darstellen.

Und dann war es natürlich so, dass du immer noch einen Champions-League-Anspruch hattest, die Meisterschaft 2002 war noch in guter Erinnerung, aber du hattest gar nicht mehr das Budget und am Ende auch nicht mehr die Mannschaft, um diese Erwartungshaltung, die in Dortmund aber bei diesem Stadion und der Anhängerschaft dann auch vorherrscht, wirklich erfüllen zu können. Diese Diskrepanz, die war dann einfach da und die mussten wir über einen längeren Zeitraum so gut wie möglich überstehen.

Wir mussten gesunden, wir haben die Budgets runtergefahren bis auf ein Niveau, wo es dann quasi nur noch nach oben gehen konnte und haben uns dann konsolidiert, sowohl sportlich wie auch eben wirtschaftlich. Und dann haben wir natürlich mit Jürgen Klopp 2008 einen echten Glücksgriff auf der Trainerposition gehabt und sind dann unaufhaltsam nach vorne marschiert.

„Die Meisterschaft 2002 war noch in guter Erinnerung, aber du hattest gar nicht mehr das Budget.“ – BVB-Sportdirektor Michael Zorc

…Jürgen Klopp und ob er ihn weiter als seinen besten Transfer als Sportdirektor sieht: Absolut. Weil er eine Ära mit uns geprägt hat, die einzigartig ist und war und schwer zu wiederholen ist. Das war ein Zeitraum von fünf Jahren, die es so in der gesamten Geschichte von Borussia Dortmund, auch über 100 Jahre, selten gegeben hat.

…Parallelen zwischen Kultur und Fußball: Ich glaube, dass der Sport, insbesondere der Fußball, aber auch die Musik, Vehikel sind, die länderübergreifend, kulturübergreifend, religionsübergreifend Menschen verbinden können. Und so viel haben wir davon ansonsten nicht mehr, da tut sich die Politik deutlich schwieriger.