Kraftwerk Datteln 4: 8000 Quadratmeter Kesselwand ab auf den Schrott

DATTELN Eigentlich sollte Datteln 4 ab dem zweiten Quartal 2018 Strom erzeugen. Aber dann kam der schicksalsträchtige November 2017, als die Produktionsuhren für die nächsten zweieinhalb Jahre wieder auf Null gestellt werden mussten, weil sich der verwendete Superstahl „T 24“ im Dampferzeuger als alles andere als super präsentierte. In den letzten Wochen hat Uniper mit der Demontage der defekten Kesselwände begonnen..

  • Die Tage der bräunlichen Kesselwände im Kraftwerk sind gezählt. Bis Mitte November sollen sie demontiert sein, so der Zeitplan von Uniper. In der Mitte sind die Öffnungen für die Brenner zu sehen. Foto: Andreas kalthoff

Bei den ersten Belastungstests waren Haarrisse im gigantischen Kessel-Rohrsystem entstanden. Die Schweißnähte am vermeintlichen Superstahl „T 24“ hatten nicht standgehalten. Der Austausch des Materials ist eine technische Herausforderung. Schon der normale Einbau des gigantischen Kessels bei der ersten Errichtung des Kraftwerks war ambitioniert. „Aber jetzt müssen wir das ganze in einem bestehenden System umsetzen“, so  Baustellenleiter Ingo Telöken.
 

300 Tonnen Stahl zur Stabilisierung

Seit Juni laufen die vorbereitenden Arbeiten, damit jetzt die Kesselwände demontiert werden können. Dazu musste nicht nur der gewaltige Trichter unter dem Kessel, der grobe Aschereste aufnimmt, die nicht als Flugasche nach oben aufsteigen, abgebaut werden. Zusätzlich mussten laut Telöken rund 300 Tonnen Stahl eingebaut werden, um das ganze System so zu stabilisieren, damit die gesamte Konstruktion nach Abnahme der Kesselwände statisch stabil bleibt.

Die Notwendigkeit dieser Vorbereitung machen folgende Zahlen deutlich: Für den Tausch der vier Kesselwände werden rund 1300 Tonnen an Material bewegt. Nach Angaben Telökens haben die bloßen Wände ein Gewicht von ca. 1000 Tonnen und eine Gesamtfläche von ca. 8000 Quadratmetern. Das ist mehr als die Fläche eines normalen Fußballplatzes. 8000 Quadratmeter Stahl, die jetzt sämtlich auf dem Schrott landen.
 

Neuer Kessel ist aus „T 12“-Stahl

Und wie bekommt man Kesselwände in einer Größe von 104 x 23, bzw. 104 x 18 Metern aus dem Kesselhaus? Scheibchenweise! Vergleichen kann man das am besten mit einer schwebenden Tafel Schokolade, bei der Riegel für Riegel „abgeknabbert“ wird. Nur dass die Riegel in diesem Falle 23 bzw. 18 Meter lang und vier Meter breit sind.
 

Zu den Kosten sagt Uniper nichts

Die Eckverbindungen der Kesselwände sind bereits getrennt. Die eigentlichen Wände sind im Vier-Meter-Abstand schon mit einigen Schnitten versehen worden. An speziellen Stahlseilen werden die Wände dann abgelassen, im Vier-Meter-Abstand abgetrennt und per Lkw aus dem Kesselhaus nach draußen gefahren, wo sie dann weiter zerschnitten werden. Mitte November, so Telöken, soll alles raus sein. „Der Zeitplan ist sehr ambitioniert und Spitz auf Knopf genäht“, sagt der Baustellenchef. Aber Arbeitssicherheit steht auf der Baustelle an oberster Priorität, auch wenn der Termindruck enorm ist. Schließlich will Uniper mit dem Kraftwerk endlich Strom produzieren – und Geld verdienen. Im Sommer 2020 soll es soweit sein. Zu den Kosten für den Kesselaustausch hüllt sich Uniper in Schweigen.

Die Montage des neuen Kessels – der wird aus erprobtem „T 12“-Stahl gefertigt – erfolgt ähnlich wie die Demontage, nur in umgekehrter Reihenfolge. Seit Juni läuft in Xanten und in Meerane die Produktion der neuen Membranwände. Vor der Auslieferung – die ersten Teile werden in diesem Monat auf der Baustelle erwartet – werden sie in den Werkstätten zu einer nahezu kompletten Seitenwand zusammengelegt, um festzustellen, ob alles passt. Die vorgefertigten Teile werden so groß wie möglich angeliefert und dann Stück für Stück im Kesselhaus zusammengebaut.

Warum hat Uniper generell auf den „T 24-Stahl“ gesetzt? 2005, bei den Planungen von Datteln 4, habe der „T 24“-Stahl noch als innovativer Werkstoff gegolten, sagt Ingo Telöken. Und es gab wirtschaftliche Gründe, beim „T 24“ benötigte Uniper eine geringere Menge an Stahl, die verbaut wird. Sorge, dass es auch beim „T 12“ zu Problemen mit Schweißnähten kommen könnte, hat Telöken nicht. „Wir achten auch hier mit äußerster Sorgfalt auf die Qualitätssicherung und der T12 wird seit Jahrzehnten im ganzen Ruhrgebiet verbaut, auch im Altkraftwerk Datteln“, so der Baustellenleiter.
 

450 Mitarbeiter auf der Baustelle

450 Mitarbeiter sind derzeit bei Datteln 4 im Einsatz, rund 120 kümmern sich um die Demontage der defekten Kesselwände. Die Zwangspause durch die Stahlpanne sorgt aber nicht für generellen Stillstand. Uniper testet die verschiedenen Komponenten des Kraftwerks wie zum Beispiel die Bekohlungsanlage. Auch der Hilfsdampferzeuger läuft derzeit im Testlauf. Für Datteln bedeutet das, dass die Fernwärme in diesen Tage ölbefeuert von Datteln 4 produziert wird. Nach dem Testlauf schaltet Uniper dann wieder um auf den mit Gas betriebenen Hilfsdampferzeuger, der auf dem Gelände des Altkraftwerks steht. Die gesamte Anlage werde in Bereitschaft gehalten, um am Tag X starten zu können, so Telöken. Das gilt auch für die gewaltige Turbine, die im Probebetrieb Ende des letzten Jahres schon auf 3000 Umdrehungen gefahren wurde. Jetzt wird sie regelmäßig mechanisch weitergedreht, damit sie nicht durchhängt. „Sonst hätten wir dort eine Banane“, erklärt Telöken. In einem ist er sich sicher: Das Stahlschicksal von Datteln 4 werde sich in der gesamten Kraftwerkslandschaft nicht mehr wiederholen. Das aber ist allenfalls ein schwacher Trost.
12 KOMMENTARE
09.10.18 17:07

Schrottstahl

von feder24

Das Problem ist, dass in D wegen Ausstieg aus der Kerntechnik und den Einschränkungen für den Kohlesstrom die Technik von Verarbeitung von hochwertigen Stählen in modernen Dampferzeugern verloren gegangen ist. Es gab keinen deutschen Hersteller mehr und die Aufträge wurden ans Ausland gegeben. Die deutschen Kontrolleure hatten auch wohl keine Ahnung . So ist das, wenn man politisch die Industrie ins Abseits führt

09.10.18 17:05

Schrottstahl

von feder24

Das Problem ist, dass in D wegen Ausstieg aus der Kerntechnik und den Einschränkungen für den Kohlesstrom die Technik von Verarbeitung von hochwertigen Stählen in modernen Dampferzeugern verloren gegangen ist. Es gab keinen deutschen Hersteller mehr und die Aufträge wurden ans Ausland gegeben. Die deutschen Kontrolleure hatten auch wohl keine Ahnung . So ist das, wenn man politisch die Industrie ins Abseits führt

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09.10.18 16:57

Schrott Stahl?

von feder24

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