Modernes Wohnen mit historischen Wurzeln

Wer durch die Kataloge von Fertighaus- und Bauträgerhaus-Firmen blättert, sieht überall nur frische, neue Häuser in jugendlichen Stilen. Allerdings liegen die architektonischen und stilistischen Wurzeln vieler Neubauten noch vor dem Zweiten Weltkrieg.

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Jeder Architekt hat während seines Studiums auch umfangreiche Kurse in Sachen Baustile genossen. Da wundert es nicht, dass diese Erfahrungen auch in moderne Häuser einfließen. Der folgende Artikel zeigt die wichtigsten Stile und wie sie auch im modernen Bau nachwirken.
 
1. Rationalismus

Wer durch ein beliebiges Neubaugebiet der Bundesrepublik spazieren geht, der trifft unweigerlich auf einige sehr nüchterne Bauten mit Flachdach. Keine dekorativen Fensterbänke, die hervorkragen. Keine verschnörkelten Giebeldächer und oft nicht einmal ein Außenanstrich in klassischem Sinn, sondern nackter Sichtbeton. Wer sich fragt, warum jemand in so einem „Betonwürfel“ leben möchte, sollte vorsichtig sein. Denn solche Gebäude haben eine lange Wurzel zurück zum Rationalismus. Diese architektonische Strömung entstand im Italien der 1920er und 1930er und zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass die Architekten bewusst auf die opulenten Verzierungen vergangener Jahre verzichteten und viel nüchterner an ihre Zeichenbretter gingen. Das Ergebnis waren Häuser mit einer äußerst klaren Struktur – wie in den hier gesammelten Bildern ersichtlich. Hier lautet die Lösung „Form follows Function“ und deshalb stechen moderne Gebäude, die mit Anleihen beim Rationalismus gebaut wurden, auch zwischen all den „normalen“ Häusern so sehr hervor.
 
2. Bauhaus-Stil

Eng mit dem Rationalismus verwandt, aber strenggenommen dessen Wurzel, ist der deutsche Bauhaus-Stil, der kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Weimar entstand. Wichtig ist, dass Bauhaus eigentlich sehr viel mehr als bloß Architektur umfasste. So beispielsweise auch bildende Kunst und nicht zuletzt auch Design. Dennoch war die architektonische Sparte des Bauhauses am prägendsten – bis heute.

Einige, bei modernen Häusern immer wieder auffindbare Stilelemente lassen sich deshalb auch direkt auf das Ur-Bauhaus zurückführen:
 
  • Streng kubische Form mit Flachdach
  • Große Glasanteile der Fassade (erzielt dadurch, dass die tragenden Elemente nach innen verlegt wurden)
  • Häufig Fenster, die um die Ecke gehen
  • Reduktion auf die Grundfarben Rot, Gelb und Blau sowie Schwarz und Weiß
All diese Elemente finden sich gesammelt oder einzeln in den Katalogen der Fertighausanbieter wieder, wie hier zu sehen. Damit ist auch die Nüchternheit des Bauhauses kein Kind der 2000er, sondern beweist, dass selbst das futuristischste Haus auf fast hundert Jahre alte stilistische Wurzeln zurückblicken kann.
 
3. Jugendstil

Sehr viel älter als die beiden zuvor genannten Stile ist der Jugendstil. Und im Gegensatz zu Bauhaus und Rationalismus findet er in modernen Häusern sehr viel weniger Anklänge. Was aber nicht heißen soll, dass er nicht mehr existent wäre.

Der Jugendstil entstand am Ende des 19. Jahrhunderts als Gegenbewegung und war ebenfalls mehr als reine Architektur: Damals hatte die industrielle Massenfertigung von Gebrauchsgütern gerade ihren ersten großen Höhepunkt. Die Jungendstil-Anhänger wollten dagegen durch hochwertige Materialien und handwerkliches Können ein Gegengewicht zu den als billig empfundenen Massenwaren schaffen. In der Architektur drückte sich das durch florale Elemente an Fassaden aus und auch der Verwendung von komplexen gusseisernen Skelett-Strukturen. Ein immer wiederkehrendes Element waren jedoch die großen Bögen über Türen und Fenstern. Und hier schlägt der Jugendstil in den meisten Fällen die Brücke zu modernen Häusern: Zwar finden sich hier keine üppigen Gusseisen-Skelette mehr, aber bei einem Haus mit geschwungenen Formen und ausladenden Tür- und Fensterbögen kann man sicher sein: Hier war der Architekt zumindest ein wenig vom Charme der Jahrhundertwende beeinflusst.
 
4. Historismus

Säulen, Türmchen, Erker: Beim Historismus, der seinerseits Mitte des 19. Jahrhunderts entstand, griffen die Architekten schon damals alte Stilmittel aus Gotik, Renaissance und anderen Epochen auf und modernisierten diese. Und was dazu führte, dass in den 1800ern viele Bauten entstanden, die auf Laien sehr viel älter wirkten, als sie eigentlich waren, funktioniert auch noch heute. Dabei muss es nicht einmal ein Gesamtkunstwerk sein, das einen Neubau von 2016 wie ein Überbleibsel aus der Renaissance wirken lässt. Viel mehr sind es auch hier die kleinen stilprägenden Elemente, die sich oft nur dem aufmerksamen Betrachter eines neuen Hauses offenbaren:
 
  • Verwendung von Naturmaterialien wie Back- und Naturstein sowie Holz
  • Kein Putz, sondern sichtbares Mauerwerk
  • Erker, Türme oder große Säulen, die ein Stützdach tragen (etwa im Eingangsbereich)
  • Verwendung von Butzenfenstern oder Ähnlichem
  • Teilweise auch Stilvermischung (Eklektizismus)
Wie schon beim Jugendstil bedeutet die Verwendung einzelner oder mehrerer dieser Elemente an einem Neubau nicht gleich, dass man von Historismus sprechen kann. Zumindest aber von einem gewissen „Touch“, der beim Erstellen der Entwürfe mit eingeflossen ist.
 
5. Dekonstruktivismus

Schräge Wände, ungleiche Grundrisse und ein irgendwie geartetes „Chaos“ der Formen, die ein Haus irgendwie „komisch“ wirken lassen? Ist das der Fall, ist wahrscheinlich ein wenig Dekonstruktivismus am Werk. Diese Baustilrichtung ist die jüngste in dieser Liste, denn sie entstand erst im Lauf der 1990er Jahre.
Ihr Markenzeichen ist, dass Gebäude insgesamt nicht mehr mit maximaler Harmonie der Formen im Hinterkopf geplant werden: Symmetrien finden sich hier selten. Oft wird auch die feste Ordnung von oben und unten durchbrochen. Ein Gebäude erweckt, das streng dem Dekonstruktivismus unterworfen wurde, den Eindruck, „es stürze jeden Augenblick in sich zusammen“.

Wer also auf einen so ultramodern wirkenden Bau trifft, bei dem nichts dem Gewohnten ähnelt, sollte nicht den Kopf schütteln, sondern sich bewusst machen, dass der Architekt mit diesem Werk eine äußerst bemerkenswerte Arbeit abgeliefert hat, die keine Anleihen bei anderen Stilen macht.  
 
Fazit
Obwohl Neubauten oft sehr modern wirken, liegen ihre architektonischen Grundlagen oft in ferner Vergangenheit. Das gilt zwar nicht unbedingt für ein normales Satteldachhaus, aber auch hier kommen manchmal kleine Elemente zum Vorschein, die so direkt von den Vordenkern von Bauhaus und Co. hätten stammten können.
 
 


ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    11. Juli 2016, 13:26 Uhr
    Aktualisiert:
    24. Januar 2018, 03:34 Uhr