Andreas (6): Medizin hoffnungslos veraltet

von Heinz Sünder am 16. Dezember 2011 13:51

CHISINAU/MOLDAWIEN. Manchmal da steht man da, hört, was der Dolmetscher mit teilnahmsloser Stimme übersetzt und im Kopf explodieren die Gedanken: „Das kann doch gar nicht wahr sein. Das gibt es doch nicht. Wo sind wir denn?“ Wir sind in Kishkaren, in Moldawien, und der Alptraum ist wahr.

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Bei dem krebskranken Andreas (r.) wurde der Tumor viel zu spät entdeckt. Seiner Mutter Lila, die im Arm den fünf Monate alten Vadim hält, bleibt nur die vage Hoffnung auf Heilung in unserem Spendenprojekt. Foto: Sünder

Wir stehen im Garten von Lila, und an die Mutter schmiegt sich Andreas, sechs Jahre alt. Er weicht nicht von ihrer Seite, er sucht ständig den Körperkontakt zur Mutter. Kinder wissen instinktiv, wann Gefahr droht und dann suchen sie Schutz bei der Mutter. Und Andreas ist in Gefahr, sogar in Lebensgefahr.
 
Der Junge ist normal gewachsen, er ist normal intelligent, er sollte eigentlich in der Vorschulgruppe des Kindergartens sein, muss aber zuhause bleiben. Denn Andreas ist krank. Er hat ein Lymphom und der Tumor hat sich schon überall ausgebreitet.
 
Auch Andreas gehört zu den Kindern, denen wir in diesem Jahr mit unserer Weihnachts-Spendenaktion 2011 helfen wollen. Alle Spenden sind für die Kinderkrebsstation in der moldawischen Hauptstadt Chisinau bestimmt, für bessere Ausstattung, bessere Schulungen und bessere Heilungs-chancen für die Kinder.
 
Auch bei Andreas wurde die Krankheit erst sehr spät bemerkt. Und das könnte einen verzweifeln lassen: Sie merken hier sehr oft erst dann, was mit einem Kind los ist, wenn es zu spät ist. Nicht weil die Ärzte dumm oder böswillig sind. Nein, weil sie einfach keine Möglichkeiten haben. Hier draußen wird eine Medizin praktiziert, deren Standard und Möglichkeiten um viele Jahrzehnte hinter dem heutigen Wissen her hinken.
 
Die moldawischen Dörfer sind keine Bauerndörfer in unserem Sinne, denn Bauern gibt es kaum. Es gibt die großen Güter aus der Sowjetzeit, die Sowchosen und die Kolchosen. Es gibt Landarbeiter, Elektriker, Traktorfahrer, Maschinenführer. Andreas‘ Vater ist Traktorfahrer für eins der großen Güter. Sein Gehalt hängt vom Erlös der Ernte ab, von dem er einen Anteil bekommt. Teils in Geld, teils in Naturalien. Das ist mal mehr, mal weniger. Meistens weniger. Das einzig Sichere sind 200 Lei Sozialhilfe, das sind ungefähr 12 Euro.
 
Andreas hat noch sechs Geschwister, das jüngste Kind ist fünf Monate alt. Seine Mutter ist 39 und sieht aus wie Mitte 50. Sie hat große, schwere, von schwerer Arbeit gezeichnete Hände und sie geht barfuß. Nicht weil das so angenehm ist, sondern weil sie keine Schuhe hat. Nur Gummistiefel für Matsch und wenn es Schnee gibt.
 
Die Krankengeschichte von Andreas sieht so aus: Mit vier Jahren bekam er öfter mal Fiber, das haben sie mit Lindenblütentee und Holundersaft bekämpft. Dann wurde er schwächer. Bei einer Untersuchung im Mutter-Kind-Zentrum haben sie den Krebs entdeckt – da kam er auf die Interne Station, zuständig für Brust und innere Organe. Nach einiger Zeit haben sie dort festgestellt: „Was soll das Kind hier? Das muss doch in die Onkologie.“ Und so vergingen die Wochen und der Tumor wuchs und konnte streuen.
 
Im Juni dieses Jahres war er am Institut für Onkologie, wurde nach zehn Tagen wieder heim geschickt, kam wieder und blieb drei Monate. Am 12. September war er wieder zuhause, am 12. Oktober musste er wieder in die Onkologie. In den Tagen dazwischen haben wir ihn zuhause getroffen. Ein völlig verstörtes Kind, das überhaupt nicht weiß, was los ist, was mit ihm geschieht. Der Mutter haben sie gesagt, dass Andreas nicht operiert werden kann, dass er aber behandelt wird. Wie lange und mit welchen Aussichten auf Erfolg, das haben sie ihr nicht gesagt.
 
Auch hier in diesem wirklich gottverlassenen Nest herrscht der Glaube an die Kunst der deutschen Ärzte, die wahre Wunder vollbringen können. Andreas‘ Mutter: „Sie bekommen jetzt deutsche Maschinen. Dann können sie meinem Andreas helfen.“ Wir haben sie gefragt, ob sie an Gott glaube, an ein Wunder, ob sie darum betet? Sie hat uns aus ihren schmalen Augen angeschaut, hat das Kind an sich gedrückt und gesagt: „Naja, ich bin schon gläubig. Aber ich habe keine Zeit für die Kirche, nur an Feiertagen. Ich glaube nicht, das Gott mich kennt.“
 
Das war Ende September, es war noch heiß in Moldawien. Erntezeit. Der Mann war mit seinem Traktor jeden Tag fast 16 Stunden auf den Feldern. Am 12. Oktober hat die Mutter ihren Sohn wieder in die Onkologie nach Chisinau gebracht. Wie immer per Autostop, in Kishkaren gibt es weder Bus noch Bahn.
 
Wir wissen nicht, ob Andreas noch lebt, ob er Weihnachten feiern kann, oder ob er den Kampf verloren hat. Aber Kinder wie ihn gibt es viele in Moldawien und da wollen wir helfen.

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