„Warteraum Zukunft“ bei den Ruhrfestspielen: Ein Tagtraum voller Wahnwitz

Von Bernd Aulich am 21. Mai 2010 13:24

RECKLINGHAUSEN. „Ich schreibe keine Stücke, ich schreibe Texte“, betont Oliver Kluck. Sein jüngster Bühnentext „Warteraum Zukunft“ hat dem 30-jährigen Berliner Autor den Kleistpreis eingebracht. Mit der Uraufführung im Theaterzelt glückte den Ruhrfestspielen ein großer Wurf.

Klucks Text ist eine außergewöhnliche Spielvorlage. Er vereint köstlichen Sprachwitz mit der sarkastischen Diagnose einer Gesellschaft, die Menschen durch trügerische Glücksversprechen zermürbt, sie zu Kostenfaktoren reduziert. Und er verbindet mit seinem überbordenden Redeschwall ohne feste Rollenzuweisung inneren Monolog und imaginären Dialog. Nicht von ungefähr erinnert Klucks wahnwitziger Tagtraum an Leopold Blooms Tagestrip zwischen Wahn und Wirklichkeit in „Ulysses“ von James Joyce.
Daniel Putkammer heißt Klucks negativer Held, ein Opportunist, der nach oben strebt. 31-jähriger Sohn eines akademischen Leitgestirns, eines Professors für Strömungsdynamik. Schon mit 28 promoviert. Ein Karrieretyp.
Doch das Leben hält auch für so einen böse Überraschungen bereit. Klucks scheinbar diffuse Suada erzählt in kunstvoller Symmetrie von Aufstieg und Fall des Ingenieurs, der morgens voller Hoffnung auf eine Beförderung auf dem Weg zum Betrieb sein Viertel verlässt und abends aufgelöst nach einer irren Party mit präpotenten Sex-Phantasien heimkehrt und im Suff einen Radler überfährt. Oder war alles doch nur ein böser Alptraum?
Circensisch verspielt bringt Alice Buddeberg diesen Bewusstseinsstrom auf eine Bühne, die Cora Saller mit futuristischen Geräuschmaschinen vollgestopft hat. Über riesige Schalltrichter wiederholt sich das mit lockerer Hand inszenierte Sprach- und Geräuschtheater.
Generatoren wiederholen hingeworfene Wortfetzen. Abwechselnd schlüpfen die drei unentwegt präsenten, wie Clowns weiß geschminkten Schauspieler Martin Wißner, Ute Hannig und Daniel Fries in mausgrau gesprenkelten Anzügen (Kostüme: Martina Küster) in die Rolle des Ingenieurs und der imaginären Bürogestalten und Party-Miezen, denen er an diesem Tag begegnet. Grandios, wie Wißner den vor Euphorie durchgeknallten Daniel im Angesicht bitterer Ernüchterung ermattet in sich zusammensinken lässt. Mit der vermeintlichen Beförderung zum Leiter einer neudeutsch Engineering genannten Abteilung in Rumänien wird der Karrieretyp schlichtweg abgeschoben. Köstlich die übertriebene Panik, mit der Ute Hannig in der Vergegenwärtigung rumänischer Verhältnisse durchs Publikum irrt. Ganz schön keck die überdimensionale rosafarbene Vulva, in der sich der auch bei den Frauen nicht sonderlich erfolgreiche Karrierist gefangen wähnt. Die Revolte zu wagen, kommt diesem Mann ohne Eigenschaften nicht in den Sinn. Kluck erzählt davon mit einer Bosheit, die bei allem Biss durch Humor überwältigt.

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