Ruhrfestspiele 2019: Dunja Hayali ist nach Lesung zu Tränen gerührt

Recklinghausen Die gebürtige Dattelnerin spricht über Heimat und plädiert für ein menschliches Miteinander, das sie auf der Bühne vorlebt.

  • Dunja Hayali bei den Ruhrfestspielen 2019

    „Es geht jetzt um was. Es geht um uns“: Dunja Hayali liest bei den Ruhrfestspielen im blau-gelben EU-Hoodie aus ihrem Buch „Haymatland“. Foto: Jörg Gutzeit

Es ist ein besonderer Moment: Gerade hat Dunja Hayali die letzten beiden Sätze aus dem Epilog ihres Buchs „Haymatland“ vorgetragen: „Es geht jetzt um was. Es geht um uns.“ Ganz kurz herrscht Stille, dann erhebt sich das Publikum applaudierend – und der gebürtigen Dattelnerin schießen Tränen in die Augen. Hayali atmet tief ein und aus, greift gerührt zum Smartphone – und hält die Ovationen der Besucher im Bild fest. „Das ist so schön“, sagt die Journalistin. „Das tut so, so gut.“ Sie werde immer wieder gefragt, wie sie die häufigen Anfeindungen gegen ihre Person aushalte. Der Zuspruch des Publikums im ausverkauften Ruhrfestspielhaus gibt eine Antwort darauf: „Das trägt einen.“

Eigentlich steht die vom Medienhaus Bauer präsentiert Veranstaltung ja als Lesung im Programm. Tatsächlich trägt Dunja Hayali aber nie mehr als drei, vier Sätze am Stück aus „Haymatland“ vor. Dann sagt sie: „Dazu eine Geschichte.“ Es folgen ein „Übrigens“ und ein „Dazu noch eine Geschichte“. Persönliche Erfahrungen, politische Analysen und spontane Emotionen sprudeln aus der 44-Jährigen nur so heraus. Als ob sie nach langer Zeit mal wieder zu Hause wäre, und ganz viel zu erzählen hätte. Dabei verliert sie nicht nur einmal den roten Faden. Aber das macht dem Publikum gar nichts. Die Dattelnerin hat das in ihrem blau-gelben EU-Hoodie ja angekündigt – und wirkt so engagiert wahnsinnig authentisch.

Hayali erhält Zuschriften mit Beleidigungen und (Mord-)Drohungen

Dunja Hayali macht sich Sorgen. „Ich lebe gerne! Und ich lebe wirklich gerne hier in Deutschland, in meinem Geburtsland“, liest sie aus dem Intro ihres Buches vor. Es gebe hier so viel Offenheit, Toleranz, Respekt, Empathie, Solidarität und gelebte Menschlichkeit. Aber sie frage sich, „ob wir es schaffen werden, dieses Land so lebenswert zu erhalten, wie es ist – und zwar für jeden“. Diese Sorge entstehe, „weil Menschen angegriffen werden und ausgegrenzt werden sollen – nicht, weil sie etwas verbrochen hätten, sondern einfach wegen ihrer familiären Wurzeln, ihres Glaubens, ihres Aussehens. Wachsende Extreme an den politischen Rändern, dumpfe Parolen und sogar Gewalt gewinnen sichtbar an Terrain.“

Zu diesen Einschätzungen kommt Hayali als Journalistin. Und aufgrund schmerzhafter persönlicher Erfahrungen. Denn seit 2015, seit verstärkt Flüchtlinge ins Land gekommen sind, hat sich ihr Leben – „vorsichtig ausgedrückt“, wie sie sagt – verändert. Die Tochter irakisch-christlicher Eltern erhält seitdem Zuschriften mit wüsten Beleidigungen, Anschuldigungen und (Mord-)Drohungen. „Man wünscht mir, mich vergewaltigen zu lassen“, trägt sie vor – und beschimpfe sie als „Dschihadistin“, „Kampflesbe“, „Quartalsirre“, „Kackhaufen“ oder „Systemnutte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“. Wobei diese Begriffe selten richtig geschrieben sind. Der Frau, die für ihr Engagement gegen Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus das Bundesverdienstkreuz erhalten hat, wird immer wieder abgesprochen, dazuzugehören. „Und ich hätte es nie für möglich gehalten, dass mich das so erschüttert“, sagt sie.

Hayali fragt, wie wir die auf dem Spiel stehende liberale Demokratie sichern können – und wie wir eigentlich zusammenleben wollen. Hass und Hetze haben für sie nichts mit Meinungsfreiheit zu tun. Statt dessen plädiert sie dafür, sich auf die Suche nach dem verloren gegangenen Dialog zu machen – auch im Kleinen: „Wir müssen einfach wieder miteinander reden und uns austauschen.“ Und so unglaublich schwer sei das mit dem Miteinander doch auch gar nicht, findet die „totale Verfassungspatriotin“, die Mut machen will: Unser Grundgesetz, die zehn Gebote, eine gute Kinderstube und Herzensbildung – „das reicht!“

Diese Menschlichkeit, die man bei so einer intelligenten Frau keinesfalls mit Naivität verwechseln darf, lebt Dunja Hayali auch auf der Bühne vor: Sie gibt zu, „wahnsinnig aufgeregt“ zu sein, organisiert auf Anfrage kurzerhand eine nicht geplante Toilettenpause und spricht immer wieder Familienangehörige und Freundinnen im Publikum direkt an. Letzteren bestellt sie dann gegen Ende der dreistündigen „Lesung“ auch noch ein Bier – was dann prompt ins Große Haus gebracht wird. Freunde und Familie sind Dunja Hayali wichtig. Sie sind ihre Heimat.


ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    22. Mai 2019, 06:47 Uhr
    Aktualisiert:
    9. Juni 2019, 03:33 Uhr