Die Techno-Opas von Berlin

Von Haiko Prengel, dpa am 10. April 2012 09:40

Berlin (dpa). Berlin und Techno, das war einst junge Avantgarde. Doch die Szene ist ganz schön in die Jahre gekommen. Deutlich wurde das kürzlich im «Kater Holzig» am Spreeufer.

Keine Party wurde da gefeiert - nein, ein Geschichtsbuch: «Der Klang der Familie. Berlin, Techno und die Wende» heißt der just erschienene 420-Seiten-Wälzer. All die alten Clubmacher und Szene-Helden erzählen darin, wie das damals war um 1990. Als diese neue elektronische Tanzmusik aufkam und Ost und West miteinander vereinte.

Love-Parade-Erfinder Dr. Motte oder Tresor-Gründer Dimitri Hegemann etwa kommen zu Wort, aber auch DJs der ersten Stunde wie Tanith und Wolle XDP. Alles Leute um die 50, teils weit darüber. Die «Berliner Zeitung» sprach gar von «Archäologie»: Ein Vierteljahrhundert ist es nun her, dass in dunklen Kellerlöchern eine Subkultur entstand, die dann die Welt eroberte. Heute kommen die Touristen mit dem Flugzeug, nur um einmal im «Berghain» mitzufeiern, der Kathedrale der Techno-Jünger.

Von Familie könne keine Rede mehr sein, sagt DJ Por No. Der 47-Jährige ist selbst ein wenig in die Jahre gekommen - die Rastazöpfe sind blond, aber die Bartstoppeln schon weiß. «Krass» sei es, wie sich die Szene in den letzten 10, 15 Jahren verändert habe, sagt er mit verrauchter Stimme. «Früher im Deli oder im SO36 - da kannte jeder jeden» erinnert sich Por No, der eigentlich Martin heißt. Ende der 90er zog er von Australien nach Berlin. Damals befand sich die schillernde Loveparade auf dem Zenit - 1999 kamen 1,5 Millionen Menschen zum Massenrave.

Heute sind die Partys in Berlin wieder kleiner, aber dafür sind es umso mehr. Rund um die Uhr wird irgendwo immer gefeiert. Die vielen Drogen, die durchgemachten Nächte - viele DJs halten da nicht so lange durch. «Es tauchen immer wieder neue Gesichter auf, und viele verschwinden schnell wieder», berichtet DJ Por No und steckt sich noch eine von seinen selbstgedrehten Zigaretten an. «Das Nachtleben ist hart.»

Manchmal lohnt sich der Einsatz, einige sind mit Techno reich geworden. Kommerz-Ikonen wie Paul van Dyk jetten mit dem Privatflugzeug um den Globus. Aus der mittlerweile geschlossenen «Bar 25» sollen die Betreiber das Geld in Schubkarren herausgefahren haben. DJ Por No fährt indes bloß weiter seine Platten hin und her, mit einem selbst gebauten Lastenfahrrad. Vom Plattenauflegen alleine kann der 47-Jährige nicht leben, er arbeitet zusätzlich in einem Hostel.

Immerhin kostet die Miete in seiner Friedrichshainer WG nicht viel - sie liegt nicht weit weg von der Revaler Straße, Berlins «Techno-Strich». Hier schieben sich die Schaulustigen jedes Wochenende von Lokal zu Lokal, wie auf der Hamburger Reeperbahn. Die ganz Trendigen bemalen sich jetzt für eine Clubnacht die Gesichter, wie beim Kölner Karneval.

Nur die Magie, die ist irgendwie weg. Fast erinnert die Stimmung an früher, bevor Techno kam. Ob Pop, Rock oder Punk: «Ab 1985 stagnierte Berlin. Es entstand nichts Glühendes mehr. Die Frische war weg, das Spontane», erinnert sich ein Szene-Held in «Der Klang der Familie». Nun wäre es vielleicht mal wieder Zeit für etwas Neues.

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