Seit mehr als 20 Jahren spielt der Arzt Winfried Keuthage aus Münster zu Weihnachten den Nikolaus.
Viele Kinderaugen blicken ihn ehrfürchtig an. «Na?», richtet er dunkel das Wort an seine kleinen Bewunderer, «Wisst ihr, wo ich herkomme?». «Vom Himmel», klingt es leise aus einer Ecke. «Aus dem Wald», rät ein anderes Kind. Doch die Kleinen liegen alle falsch. Der Nikolaus kommt aus Münster und trägt eigentlich einen weißen Kittel: Winfried Keuthage ist Arzt - und seit mehr als 20 Jahren «Hobby-Nikolaus».
In den zwei Jahrzehnten hat sich Keuthage viele Tricks zugelegt. «Besonders beeindruckt sind die Kinder, wenn ich sie spontan mit Namen anspreche.» Das hat der Nikolaus von langer Hand vorbereitet. Eltern sollen Sorge tragen, dass die Kleinen möglichst auffällige Erkennungsmerkmale anhaben. Dank eines diskreten Zettels weiß der Mann in Rot dann, wer Max (Kennzeichen: «Brille»), wer Jakob («Blauer Pullover») und wer Jonah («das einzige Kleinkind») ist. «Manche Nikoläuse fragen halt "Wer ist der Max?". Das ist total out. Das mach ich gar nicht», sagt der Mann mit dem grau melierten Haar abfällig.
Die Rolle ist Keuthage in Fleisch und Blut übergegangen. «Erst war ich Nikolaus, dann wurde ich Arzt», erinnert sich der 43-Jährige, der im Dezember den gebrechlichen Gabenbringer spielt, aber sonst als Diabetologe den Blutzucker seiner Patienten überwacht.
Schon während des Studiums versuchte sich der Mediziner bei seinen Neffen als Nikolaus - mit wenig Erfolg. «Die haben mich trotz Verkleidung sofort erkannt», sagt der Münsteraner. Seitdem bringt er am Nikolaustag fremden Kindern die Geschenke. Inzwischen betreibt Keuthage eine Nikolausvermittlung. In die Datenbank «Nikolauszentrale» können sich Hobbyschauspieler gratis eintragen lassen. 13 Nikoläuse sind bisher registriert. «Der Markt ist da», sagt Keuthage. Wie viel Geld er für einen Auftritt bei einer Familie verlangt, will er nicht verraten.
Dass die Kinder nicht nur Geschenke bekommen, sondern auch etwas lernen, ist Keuthage wichtig. So erzählt er ihnen die Geschichte vom Nikolaus - und zwar historisch genau. «Ich versuche, diese Tradition aufrechtzuerhalten», sagt er. Viele Kinder wüssten gar nicht, dass der Nikolaus und der Weihnachtsmann nicht dasselbe seien. Ihn reizt vor allem, dass er in eine fremde Rolle schlüpfen kann. «Das ist wie Theater spielen, nur dass die Bühne mein Wohnzimmer ist», erklärt der Diabetologe. Früher sei er aber eher schüchtern gewesen. «Ich war nie der Alleinunterhalter oder Klassenclown.»
Heute wird er bei den Kleinen verehrt wie ein großer Held. Die Kinder tragen ihm Gedichte vor oder singen Lieder mit ihm. Selbst die frechsten Bengel entpuppten sich vor dem Nikolaus als brave Engel, sagt Keuthage stolz. Doch auch ein Nikolaus hat natürliche Feinde. «Zehnjährige als Gruppe sind für den Nikolaus tödlich», weiß Keuthage. «Das ist dann ein Spießrutenlauf. Die machen blöde Sprüche, die wollen an den Bart fassen und einen enttarnen.» Außer ungläubigen Zehnjährigen gibt es für Keuthage aber nur noch eine andere Sache, die ihn beim Auftritt manchmal ziemlich nervt: «Der Bart juckt.»
